Anneliese Bernhardt findet Abschriften aus Zeitkapsel

Beim Stöbern wieder aufgetaucht: Anneliese Bernhardt vor den Abschriften der Dokumente aus der Zeitkapsel. Die Initiatorin denkt darüber nach, Lesungen in der Kulturscheune anzubieten. Foto: Spanel

Netra. Das Schriftstück stammt aus einer sogenannten Zeitkapsel, verborgen unter der Wetterfahne des Netraer Kirchturms. „Diese Unterlagen sind ein wichtiger Teil der Kultur dieses Ortes und müssen gepflegt werden", sagt Bernhardt.

Netra. „Auch wir, die jetzt in Netra Lebenden, werden vergangen sein, wenn die Nachwelt diesen Beitrag zu Gesicht bekommt.“

Andächtig liest Anneliese Bernhardt aus Netra die Worte, die Werner Fechter am 17. September 1842 zu Papier gebracht hat.

Die Dokumente

Die detaillierten Niederschriften aus der Kugel unter der Wetterfahne stammen aus den vergangenen Jahrhunderten: Im Jahr 1949 etwa beschreibt der damalige Bürgermeister Ernst Schäfer die finanziellen und materiellen Anstrengungen, den Netraer Kirchturm reparieren zu lassen, und leitet dann über zum Geschehen im Ort in den Nachkriegsjahren. Eine Beschreibung des Orkans, der 1876 über Netra fegte, findet sich ebenso im Inneren der Kapsel wie ein Dokument aus dem Jahr 1606 - über die Jahre hinweg ist dieses allerdings unleserlich geworden.

Die Niederschrift

Im Besitz der Familie Bernhardt befinden sich Abschriften der Original-Dokumente. Anneliese Bernhardts Schwiegervater Dietrich war während der letzten Sanierung des Kirchturms Mitglied des Kirchenvorstands. Um die wertvollen, zeitgeschichtlichen Dokumente vor Schäden zu bewahren, nahm er sie für die Dauer der Arbeiten zur sicheren Aufbewahrung mit zu sich nach Hause. Seine Enkeltochter Claudia schrieb sie im Jahr 1987 sorgfältig per Hand ab. „Zufällig sind mir die Dokumente beim Stöbern wieder in die Finger geraten“, sagt Anneliese Bernhardt, die sich als Initiatorin der Netraer Kulturscheune sehr für die Ortshistorie interessiert.

Der Zeitbezug

„Die Einwohnerzahl Netras hatte sich von 567 Seelen 1939 auf 640 während des Krieges erhöht“, schreibt der damalige Bürgermeister Ernst Schäfer. „Es kamen (...) 1945/46 (...) 80 Flüchtlinge insgesamt und (...) 270 Heimatvertriebene insgesamt hinzu.“

Dieser Auszug aus der Dorfgeschichte, so Bernhardt, habe sie zum Nachdenken gebracht: „Trotz großer Not haben es die Netraer gegen Ende des Zweiten Weltkrieges geschafft, Flüchtlinge auf- und anzunehmen.“ Natürlich, so Bernhardt, sei die heutige Zeit nicht mit der damaligen zu vergleichen - schließlich seien die Menschen nun oft durch Sprach-, Religions- und kulturelle Barrieren getrennt. „Das sollte uns aber nicht davon abhalten, aus der Geschichte zu lernen“, erklärt die Netraerin.

Von Emily Spanel

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