Syrische Familie feiert in Gemeinschaftsunterkunft

Überladen mit allerlei Schmuck: Auf einen reich behängten Baum wollte die syrische Familie auch in den beengten Verhältnissen der Gemeinschaftsunterkunft nicht verzichten. Foto: dpa

Netra. Gugelhupft statt sämiger Salat: Die Flüchtlinge in den Gemeinschaftsunterkünften werden Weihnachten anders feiern als sonst.

Für Sally schmeckt Weihnachten wie Taboulé. Saftig-aromatische Tomaten gehören unbedingt dazu, feine Bulgurkörner, die für die sämige Konsistenz des Salates sorgen, ebenso wie frische Minze und säuerliche Granatapfelkerne. Doch in diesem Jahr wird die 23-Jährige die arabische Spezialität zum ersten Mal nicht zu den Festtagen zubereiten können: „Der nächste türkische Laden, in dem ich die Zutaten bekommen könnte, ist einfach zu weit weg.“ Ersatzweise hat Sally eine Fertigbackmischung besorgt: Bei Gugelhupf will sie mit ihren beiden Schwestern Sandy und Heidi, Vater Nawwar sowie den Großeltern Fariza und Issa das Weihnachtsfest in der Gemeinschaftsunterkunft in Netra feiern.

Gemeinsam ist die christliche Familie aus ihrem Heimatland Syrien geflohen; seit drei Wochen leben sie nun in dem kleinen Ringgauer Ortsteil. „Ich habe am ersten Weihnachtsfeiertag Geburtstag“, sagt Sally. In Syrien habe die Familie deshalb immer viele Freunde um sich gehabt: „Statt Weihnachten haben meine muslimischen Bekannten eben meinen Geburtstag mit uns gefeiert“, erinnert sich die 23-Jährige.

„Auf der anderen Seite wurde unsere Religion in Syrien nicht akzeptiert“, wirft Vater Nawwar ein. Der 50-Jährige ist in seiner Heimat ein bekannter Journalist und preisgekrönter Dokumentarfilmer, hat viele kritische Beiträge zum Arabischen Frühling veröffentlicht. „Deshalb musste ich meine Familie beschützen, und wir haben die Flucht nach Deutschland angetreten.“

Baum ist organisiert 

Nawwar ist weit gereist; Deutschland kennt der studierte Ingenieur von früheren Aufenthalten. „Hier stieß ich auch auf den Namen Heidi - und habe meine jüngste Tochter so benannt“, sagt der 50-Jährige - und lächelt zum ersten Mal. Die Zehnjährige freut sich ganz besonders über den Tannenbaum, der in einer Ecke des kleinen Gemeinschaftszimmers, das die Familie bewohnt, in allen Farben blitzt und blinkt. „Er ist völlig überladen, und eigentlich passt nichts von dem Baumschmuck wirklich zusammen - und trotzdem finden wir ihn wunderschön“, sagt Sally mit einem Lächeln.

Kugeln und Lametta hat die Familie zusammen mit der Awo-Flüchtlingsbetreuerin Sabrina Hoberock organisiert. „Auch in Syrien gehörte ein Baum zum Fest - auf diese Tradition wollen wir also nicht verzichten“, erklärt Sally.

Weitere Wünsche zu Weihnachten habe sie keine - „seit unserer Tour von Flüchtlingscamp zu Flüchtlingscamp habe ich aufgehört, zu fühlen“, sagt die studierte Pharmazeutin. „Unser Weihnachten kann und soll nicht materiell ausgerichtet sein“, ergänzt Nawwar - „wir feiern das Leben. Und die Liebe.“

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