Der Heimathistoriker Karl Beck aus Datterode erinnert sich an an die Zeit des Nationalsozialismus

Als die SA durch Datterode zog

Grenzenloser Jubel: Die Spätheimkehrer wurden in Datterode freudig begrüßt. Zehn Jahre waren die Soldaten in russischer Gefangenschaft und sind durch die beharrliche Interventon des damaligen Bundeskanzlers Konrad Adenauer freigekommen. Foto: Karl Beck/nh

Datterode. Nicht alle ließen sich bei der Abstimmung für das Ermächtigungsgesetz am 23. März 1933 vereinnahmen.

Die SPD-Fraktion im Reichstag mit ihrem Abgeordneten Otto Wels stimmte geschlossen dagegen. Der denkwürdige Satz von Otto Wels: „Die Freiheit und das Leben kann man uns nehmen - die Ehre nicht“ ist in die Geschichte eingegangen. Ähnlich hat sich auf der unteren Ebene auch unser Lehrer Fritz Schuchardt in der letzten Wahlversammlung im November 1932 in der Gaststätte von Christian Munk in Datterode geäußert.

Der letzte Satz seiner Rede: „Der deutschen Republik wir schwören, der letzte Tropfen Blut soll ihr gehören!“ Auch anderweitig nahm der überzeugte Sozialdemokrat kein Blatt vor den Mund. Diese seine kämpferische Einstellung sollte ihm schon bald zum Verhängnis werden. Bevor ich jedoch näher darauf eingehe, noch einmal zum 23. März 1933 zurück. An dem Tag, an dem das Ermächtigungsgesetz verabschiedet wurde, wurde von der SA in Datterode ein Fackelzug veranstaltet, der mit einer Kundgebung und dem Abbrennen eines Freudenfeuers auf den „Liesewell’n“ seinen Höhepunkt fand.

Während die Flammen in den Himmel loderten, wurden von der gegenüberliegenden Straßenseite drei Schüsse in die Menge abgegeben. Zum Glück wurde dabei niemand verletzt. Wer der oder die Täter waren, darüber wurden nur Vermutungen angestellt. Offiziell ist darüber nichts bekannt geworden. Nun zu der „Abrechnung“ mit Lehrer Fritz Schuchardt. Am 2. Ostertag 1933 spätnachmittags wurde er von einem SA-Trupp aus seiner Wohnung abgeholt. Zwischen Datterode und Wichmannshausen legten sie ihn über den Kühler ihres Mannschaftswagens.

Nachdem sie ihn mit dem Gummiknüppel so bearbeitet hatte, dass er nicht mehr auf den Beinen stehen konnte, wurde er im Straßengraben abgelegt, und der Schlägertrupp machte sich in Richtung Kassel davon. Amtlich hieß es dazu: „Der Lehrer Fritz Schuchardt, der seit Ostern aus gesundheitlichen Gründen keinen Unterricht mehr erteilen kann, wurde im Juni wegen politischer Unzuverlässigkeit aus dem Schuldienst entlassen“. Zu allem Übel wurde ihm auch noch am Heiligen Abend des gleichen Jahres die Lehrerwohnung in der Schule gekündigt.

Von seinem Nachfolger, Karl Martin, wurden wir wie überall im Deutschen Reich ganz konsequent im nationalsozialistischen Geist erzogen. „Du bist nichts, dein Volk ist alles!“ Die neuen Machthaber verstanden es nun einmal, die Jugend in jeder Beziehung zu begeistern. Ganz besonders auch im Sport nach dem Motto: „Hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder und flink wie Windhunde!“ Kameradschaft und Vaterlandsliebe wurden großgeschrieben. Auf den Gedanken, dass das alles auf ein bestimmtes Ziel hinaus lief, sind wir dabei nicht gekommen. Im Gegenteil, manch einer oder einem wurde die Zeit zu lang, bis sie im Bund Deutscher Mädel oder der Hitlerjugend mitmarschieren konnten. Die Ausrede, nachdem alles vorbei, man wäre nur halbherzig oder gar nicht dabei gewesen, kann man nicht gelten lassen. Nach dem Durcheinander in der Weimarer Republik war nicht nur die Jugend, sondern der größte Teil der Bevölkerung den neuen Machthabern hörig. Das Vertrauen in den „Führer“ war grenzenlos. Auch den Krieg hat man sich als unumgänglich aufschwätzen lassen. Geschossen haben bekanntlich zuerst „die anderen“.

Mit Stalingrad kam die Wende. Von da an ging es nur noch rückwärts. Von den 300 000 Männern der 6. Armee sind 200 000 gefallen, verhungert, erfroren. Unter ihnen auch unser Lehrer Karl Martin, der bis zum Ende mit seiner Schule in schriftlicher Verbindung stand. Seine letzte Nachricht kam Anfang Januar 1943. Er gilt als vermisst. Von den 100 000 Männern, die in Gefangenschaft geraten sind, haben nur 5000 überlebt und sind 10 Jahre nach Kriegsende durch die Intervention des Bundeskanzlers Konrad Adenauer in drei Schüben als Spätheimkehrer am Bahnhof Herleshausen angekommen.

Auf ihrer Weiterfahrt in das Entlassungslager Friedland wurden sie überall herzlich begrüßt. Ganz besonders auch in Datterode. Nicht nur mit Blumen und kleinen Geschenken, sondern auch mit Glockenklang.

Von Karl Beck

Kommentare