Der gebürtige Sontraer und Holocaust-Überlebende Zeev Beer sucht Dokumente seiner Vergangenheit

„Als Erstes wollte ich Spielzeug“

Auf den Spuren der eigenen Vergangenheit: Zeev Beer, geboren als Wolfgang Beer in Sontra, beim Suchdienst in Bad Arolsen. Foto: privat

Bad Arolsen / Sontra. Zusammem mit seinem Sohn Äyal besuchte der Holocaust-Überlebende Zeev Beer aus Glandale in Ohio (USA) Nordhessen. Es war nicht das erste mal, dass der gebürtige Sontraer nach Deutschland zurückkehrte. Bereits 2004 hatte er seine Heimatstadt besucht.

Diesmal war das Ziel der International Tracing Service (ITS) in Bad Arolsen: Dort wollten Zeev Beer und sein Sohn Dokumente über die Verfolgung während der Zeit des Nationalsozialismus einsehen.

Erst vor 15 Jahren sprach Beer zum ersten Mal über den Holocaust, berichtet Sohn Äyal. „Es war eine große Erleichterung, als er uns 2004 auf einer Reise nach Europa jeden Ort gezeigt hat.“ Seitdem habe sein Vater innere Ruhe finden können. Mit einem Schmunzeln berichten beide vom Besuch in Sontra. Sie gingen zunächst in den Spielzeugwarenladen, zu dem während Beers Kindertagen kein Jude Zutritt hatte. „Wir haben eingekauft. Spielzeug war das, was ich als Erstes wollte“, sagt der Überlebende.

Am 5. November 1929 kam Zeev Beer als Wolfgang Beer in Sontra zur Welt. Er lebte bei seiner Mutter, seinen Vater kannte Beer nicht. 1939 zogen sie die Familie nach Berlin. Als er zwölf Jahre alt war, wurde er gemeinsam mit seiner Mutter ins Ghetto verschleppt. Knapp zwei Jahre, bis Ende 1943, waren Mutter und Sohn im Ghetto Riga. Nach dessen Auflösung ging es weiter ins Konzentrationslager Kaiserwald. „Hier wurden Männer und Frauen bei der Ankunft getrennt, so dass ich den Kontakt zu meiner Mutter verlor. Sie hat mich noch gerufen. Es war das letzte Mal, dass ich sie sah“, erinnert sich Beer. „Kurz darauf muss sie gestorben sein.“ Beer musste in einem Außenlager des KZ, dem Truppenwirtschaftslager (TWL) der SS, arbeiten. „Ich schob an den Gleisen Loren mit Uniformen, die entlaust werden sollten. Es war eine schwere Arbeit, und es gab kaum etwas zu essen.“ Im Oktober 1944 kurz vor dem Heranrücken der Roten Armee wurde er ins KZ Stutthof gebracht. „Hier war ich nur kurz“, berichtet der 83-Jährige. Es ging sofort weiter ins Außenkommando nach Stolp in Pommern, einem Reichsbahnausbesserungswerk. Im März 1945 wurde das Außenlager geschlossen und die Häftlinge auf einen Todesmarsch geschickt.

Am 5. April 1945 kam in Neustadt/Holstein die erlösende Befreiung. Einige Monate verbrachte Beer im Krankenhaus von Neustadt und im Kinderheim Lensterhof, bevor er im Warburg Children Health Home des American Joint Distribution Committee (AJDC) in Hamburg-Blankenese ein vorläufiges Zuhause fand.Im Mai 1947 konnte Beer nach Israel ausreisen. Im Kibbuz Hulda lernte und arbeitete er. Da ihm die Landarbeit auf Dauer zu schwer wurde, entschloss er sich für die Armee.

Dort traf er seine Frau Ruth, ebenfalls eine Überlebende, die aus Berlin stammte. Sie heirateten im Jahr 1956 und bekamen drei Kinder. Im Jahr 1962 zogen sie zu Ruths Eltern in die USA. (red/sas)

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