Speditionen nehmen Geldstrafen in Kauf, weil sich die Abkürzung trotzdem noch lohnt

„Auf Anordnung des Chefs“

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Rüdiger Willich liest vor Ort per Computer die Fahrerdaten eines Lkw aus.

Waldkappel. Verdrossen, aber schicksalsergeben gibt der Lkw-Fahrer dem Polizeibeamten seine Personalien. 40 Euro Strafe muss er zahlen, einen Punkt in Flensburg wird der Kraftfahrer kassieren. Mindestens fünf Durchfahrtsverbotsschilder für Fahrzeuge über zwölf Tonnen hat der Mann auf der B 7 ignoriert, bis ihn die Polizei bei Bischhausen aus dem Verkehr gezogen hat. Nun muss Holger Pöhler, der für eine Spedition in Thüringen arbeitet, umkehren, um sich bei Kassel wieder auf die Autobahn zu begeben.

„Ich weiß, dass ich hier nicht fahren darf“, sagt er. „Das mache ich auf Anordnung meines Chefs.“ Damit spart der Brummifahrer eine halbe Stunde Zeit auf seinem Weg vom Ruhrgebiet nach Thüringen und einiges an Lkw-Maut. Bei 20 Lkws, die für die Spedition fahren, lohnt sich selbst der eine oder andere Strafzettel finanziell.

Der Fahrer aus dem Thüringischen ist keine Ausnahme. Mehr als 30 Prozent aller Brummis auf den Bundesstraßen im Kreis fahren hier illegal. Obwohl seit 2007 ein Durchfahrtsverbot für Lkw über zwölf Tonnen gilt, gehören die Bundesstraßen im Werra-Meißner-Kreis zu den am stärksten von Schwerverkehr frequentierten Pisten in Deutschland. „Bei uns im Kreis treffen sich alle. Wir sind das Lkw-Fadenkreuz zwischen Nord/Süd und Ost/West“, sagt Rüdiger Willich, Leiter des regionalen Verkehrsdienstes im WMK.

Knapp 2000 Lkw werden beispielsweise täglich an der B 7/27 bei Hoheneiche gezählt. Insgesamt sind es knapp 15 000 Fahrzeuge. Nur in extremen Ballungsgebieten ist das Verkehrsaufkommen höher. All jene Lkw, die weder im Kreis laden noch liefern dürfen die Autobahnen eigentlich gar nicht verlassen. Doch die Bundesstraßen durch den WMK sind nicht nur eine Abkürzung. Hier wird Sprit gespart, weil die Kasseler Berge nicht bewältigt werden müssen, und Maut.

Willich hat an einem Beispiel ausgerechnet, was eine Spedition je illegaler Durchfahrt durch den Kreis spart: Ein Lkw hat in Westfalen 27 Tonnen Stahl geladen und will nach Thüringen. Von der A 7 hätte er auf die A 4 wechseln müssen. Über die B 7 spart er 46 Kilometer Strecke. Das macht 343 Euro weniger für Sprit plus 17 Euro Maut, die er nicht zahlen muss. „Wenn bei zehn Fahrten einer erwischt wird, hat sich das schon gelohnt“, sagt Willich.

Bei einer Verkehrskontrolle am Dienstag überprüft Willich innerhalb von zwei Stunden mit seinen Leuten 14 Lkw bei Bischhausen. Sieben von ihnen hätten die Straße nicht befahren dürfen. Ein Lkw-Fahrer lässt die Beamten wissen, dass sie selbst schuld sind, dass so viele Brummis das Verbot einfach missachten. „Zu wenige Kontrollen, zu niedrige Strafen“, sagt der Fahrer. Doch zumindest auf das Strafmaß hat die Polizei keinen Einfluss. „Am härtesten trifft es die Fahrer“, so der Beamte, „wenn wir sie umdrehen lassen und zur Autobahn zurückschicken.“

Von Stefanie Salzmann

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