Eine Stütze fürs Leben

In Rechtebach leben die letzten Nachkommen der Stockmacher

Prüfende Blicke: Im thüringischen Lindewerra gibt es noch heute eine Stockmacherei. Hier begutachten Wilfried und Gerd Brill ihr Werk. Historische Fotos vom Handwerk in Rechtebach sind nicht bekannt. Foto: Josef Keppler/nh

Rechtebach. Ein guter Stock hält ein Leben lang. Das ist das Credo der Stockmacher. Ein Handwerk, für das das Waldkappeler Dörfchen Rechtebach früher bekannt war. Noch heute leben dort Nachkommen, die in den Werkstätten selbst mit Hand anlegten.

Dazu zählt Hulda Franz. Die fast 90-Jährige ist die Tochter des letzten Rechtebacher Stockmachers Jacob Sippel. In ihrem Wohnzimmer steht hinter dem Sofa noch eine große Sammlung der Gehhilfen aus der Produktion, die sich früher auf dem Hof der Familie am Wacholderweg befand. In diesem Betrieb half Franz in den 40er-Jahren fleißig mit.

Das Rohmaterial für die Stöcke wurde zu dieser Zeit aus Wien angeliefert. Anfangs nutzten die Stockmacher noch das Holz der Kastanie, später bevorzugten sie Eiche, weil diese robuster und haltbarer war. Als die Lieferung aus Wien nicht mehr klappte, begannen die Stockmacher das Holz eigenhändig in den heimischen Wäldern zu schlagen.

Die Verarbeitung konnte sich über viele Tage hinziehen. 32 Arbeitsschritte sind nötig. Dazu gehören Reinigen, über heißem Wasserdampf Weichen, Biegen, Richten, Schleifen, Polieren, Flammen und Trocknen. „Eine Portion Stöcke herzustellen war ein ganz schöner Haufen Arbeit“, erinnert sich Hulda Franz.

Doch wie kam die Stockmacherei überhaupt nach Rechtebach? Um 1850 hatten der Lehrer Conrad Berge und der Gastwirt Andreas Wilhelm Ludolph Bethe jeweils eine Frau aus Stockmacherfamilien in Lindewerra geheiratet. In dem Dorf an der Werra gab es bis zum Zweiten Weltkrieg noch bis zu 30 Stockmacherbetriebe. Auch heute noch werden in der Stockmanufaktur der Familie Geyer die Holzprodukte hergestellt. Mitte der 1880er-Jahre kam der Stockmacher Heinrich Apel ebenfalls der Liebe wegen nach Rechtebach und begründete eine zweite Dynastie, in der laut Rechtebacher Chronik auch Lehrlinge ausgebildet wurden.

Wie ertragreich das Stockgeschäft in der Mitte des 20. Jahrhunderts war, lässt sich daran ablesen, dass Jacob Sippel der erste Rechtebacher war, der sich einen Neuwagen kaufen konnte, einen Ford M12. Seine Tochter Hulda bewies hingegen Courage. Sie war 1953 die erste Frau im Dorf, die den Führerschein erwarb.

Von Lasse Deppe

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