100 Dinge, die wir in der Region mögen (85): Das Trafohäuschen bei Gehau

Einsamer Turm am Straßenrand

Wie ein Teil einer Festung: Das ehemalige Trafohäuschen an der Landstraße zwischen Gehau und Eltmannsee ist heute ein Industriedenkmal. Foto: Deppe

Gehau. Wer fremd im Kreis und auf der Landstraße von Gehau nach Eltmannsee unterwegs ist, könnte meinen, eine alte Burganlage zu passieren. Doch was da mehr als zehn Meter hoch aus Natursteinen gemauert am Straßenrand steht, ist niemals Teil einer Wehr- oder Befestigungsanlage gewesen. In dem Turm befand sich für Jahrzehnte ein Verteilertrafo, ohne den die umliegenden Ortschaften keinen Strom erhalten hätten.

„70 Jahre waren seit der Erfindung der elektrischen Glühbirne ins Land gegangen, als auch Schemmern sich um eine Stromversorgung Gedanken machte“, heißt es in der Ortschronik Schemmern. Aus diesen Plänen entstand der Zweckverband Überlandwerk Schemmergrund, der die Kasseler Firma Kersting 1923 mit dem Bau eines Stromnetzes für die Gemeinden Schemmern, Burghofen, Friemen, Mäckelsdorf, Hetzerode, Gehau, Eltmannsee, Thurn-, Stadt- und Kirchhosbach sowie Mitterode, Rechtebach und Stolzhausen beauftragte. Der Preis für die Kupferleitungen betrug 1,3 Millionen Mark, die Lichtmasten stellten die Gemeinden selbst. Über eine Fernleitung gelangte der Strom schließlich von Rotenburg zum Trafohäuschen bei Gehau, von wo aus er weiterverteilt wurde.

Das war so allerdings nicht von langer Dauer: In den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, Ostern 1945, zerstörten alliierte Flieger das Ortsnetz komplett. Den Wiederaufbau konnte der kleine Zweckverband allein nicht schultern und übertrug die Stromrechte an die EAM. Damit war auch das Trafohäuschen seiner ursprünglichen Funktion beraubt.

Anfang der 2000er-Jahre schien das Schicksal des Turms besiegelt. Wie so viele andere Trafohäuschen in der Region sollte er abgerissen werden. Da sich dieser Trafo durch seine Natursteinbauweise jedoch von anderen abhob, regte sich Protest aus der Bürgerschaft. 2002 überließ die EAM das Gebäude der Stadt Waldkappel, ein Jahr später rettete die Eintragung als Industriedenkmal den einsamen Turm.

Heute ist Eschweges Stadtarchivar Karl Kollmann Besitzer des leer stehenden Turms. „Leider passt ja nicht mal ein Bett rein“, sagt er scherzhaft. Er stellt das Trafohäuschen den örtlichen Vogelschützern zur Verfügung. So hat das Gebäude zumindest erstmals Bewohner – wenn auch tierische (siehe HINTERGRUND).

Von Lasse Deppe

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