An die Feen traut er sich nicht heran

Künstler Müs besitzt tausende Playmobil-Figuren und baut eigene Welten

Waldkappel. Der Heilige Gral ist eine Achterbahn aus den Achtzigern, Gebäude, die es nicht gibt, baut er aus anderen Häusern einfach selbst und der Dietemann ist halb Ritter, halb Weihnachtsmann. Der Bischhäuser Künstler Müs sammelt Playmobil-Figuren. Seine Leidenschaft kennt keine Grenzen.

Ungelenke Freunde: Die Playmobil-Sammlung des Bischhäuser Künstlers Müs

Angefangen hat alles mit einem Ritter, der keine Augen mehr hat. Abgenutzt vom vielen Spielen. „Das kann heute nicht mehr passieren“, sagt Müs und fachsimpelt aus dem Stegreif über modernisierte Spritztechniken, die die Figuren haltbarer machen. Der 51-Jährige aus Bischhausen kennt sich aus in der Welt des Playmobil. Seit 40 Jahren sammelt er Figuren, Fahrzeuge und Häuser. Alles, was das Unternehmen aus dem fränkischen Zirndorf so produziert. „Nur an die Feenwelt habe ich mich noch nicht herangewagt“, sagt er. Platz zwischen tausenden Rittern, Soldaten, Fußballern und anderen Figuren bliebe aber ohnehin kaum.

Seine Sammelleidenschaft treibt Müs an. Um begehrte Teile zu finden, stöbert er im Internet und im echten Leben. Drei von vier Sonntagen verbringt er dafür auf Flohmärkten, wo er immer wieder Schnäppchen macht. Mit einzelnen Figuren bestimmter Serien und Sonderanfertigungen lassen sich für Händler bis zu 90 Euro verdienen. Müs kennt Menschen, die allein mit Playmobilhandel ihr Leben bestreiten. Er selbst hofft stets auf Glücksgriffe. Einen solchen hat ihm auch die französische Armee beschert, die jetzt leicht angestaubt in Reih und Glied im Regal steht. Bei der RTL-2-Sendung „Trödeltrupp“ war er auf einen Sammler aufmerksam geworden, der verkaufen musste. Müs suchte über die Produktionsfirma den Kontakt, fuhr nach Köln und kehrte mit 600 neuen Figuren im Gepäck zurück. Wie viele Figuren er insgesamt hat, weiß er nicht. „Das Zählen macht viel Mühe“, sagt er. Es müssen zwischen 5000 und 10 000 sein. Wert: unbekannt.

Lässt man den Blick über die beeindruckende Sammlung des Künstlers schwenken, bleibt man schnell an einem markanten Outfit hängen. Auf dem mittleren Turm der Kasseler Orangerie – ein Eigenbau aus 15 Einzelhäusern – thront der Dietemann zwischen seinen Biedermeiermädchen. Den gibt es natürlich so nicht zu kaufen. Wie so viele andere aus der Region bekannte Figuren und Gebäude – Boyneburg, Frankfurter Römer, Hersfelder Feuermeister – ist die Eschweger Symbolfigur eine Eigenkreation des Künstler. Zusammengesetzt aus Einzelteilen mehrerer Ritter und des Weihnachtsmanns.

Mit wenigen Handgriffen hat Müs eine Figur in ihre Einzelteile zerlegt. Ebenso einfach lässt sie sich wieder zusammensetzen. Die Körperteile sind auf diese Weise frei kombinierbar. Aufwendiger ist die Arbeit bei Gebäuden. „Eigentlich ist Playmobil nicht dafür gedacht, so wild umzubauen“, sagt Müs. Deshalb muss er manchmal mit Säge und Kleber ran. So ist auch eines seiner größten Projekte entstanden: ein zwei mal drei Meter großes Fußballstadion, in dem er reale Spielszenen nachstellt. Als er einmal an das Spiel der BRD gegen die DDR 1974 erinnern wollte, schaute er im Internet Archivvideos an – und ließ Jürgen Sparwasser ganz authentisch sein Tor von halbrechts erzielen. „Das Beste ist doch, wenn die Leute sofort erkennen, was zu sehen ist.“

Auch wenn er seine Großprojekte meist auf Fantreffen ausstellt („Natürlich sind wir da alle ein bisschen verrückt“), gibt er sich auch mit kleinen Bühnen zufrieden. Im Anbau seines Elternhauses an der Eichholzgasse in Bischhausen hat er eine kleine Weihnachtslandschaft in die Fenster gebaut und ist zufrieden, wenn vorbeikommende Menschen kurz haltmachen und sich das Szenario betrachten. Ursprünglich hatte er überlegt, in einem Eschweger Spielwarengeschäft auszustellen, „aber es gibt leider zwei und ich will niemanden verärgern“.

Dass es so etwas wie einen Heiligen Gral unter den Playmobilsammlern gibt, glaubt er nicht: „Jeder schwört da auf was anderes.“ Einen Traum hat er aber dennoch. Bei der Versteigerung einer nur in den Achtzigern in Japan produzierten Achterbahn ist er leer ausgegangen. 2500 Euro waren dann sogar Müs zu viel.

Playmobil in Zahlen

3,2-Mal würde eine Kette um die Erde reichen, würden sich alle 2,7 Milliarden bislang produzierten Playmobil-Figuren an den Händen halten.

5 Produktionsstätten gibt es weltweit. Gebaut wird in Dietenhofen und Selb in Deutschland sowie in Werken in Spanien, Tschechien und auf Malta.

7,5 Zentimeter ist ein normales, erwachsenes Playmobilmännchen groß. Erst einige Jahre nach der Firmengründung gab es erstmals auch Kinderfiguren, später sogar Babys.

1974 wird Playmobil auf dem Markt eingeführt. Drei Jahre hatten Entwickler zuvor an dem Spielsystem gearbeitet.

2000 eröffnete der Playmobil-Funpark in Zirndorf bei Fürth seine Tore. Der Freizeitpark bietet Spielwelten im Maxiformat.

4000 Figurenvariationen hat Playmobil auf den Markt gebracht. Durch den patentierten Steckmechanismus gibt es aber deutlich mehr mögliche Kombinationen.

535 000 000 Euro hat die Brandstätter-Gruppe, zu der Playmobil gehört, im Jahr 2014 mit Spielzeug umgesetzt. (lad)

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