Früherer Bundesminister gestorben

SPD-Politiker Egon Bahr kehrte 1989 in seine Heimatstadt Treffurt zurück

Auf dem Weg in die frühere Heimatstadt: Bundespolitiker Egon Bahr ging bei der Grenzöffnung zwischen Wanfried-Heldra und Treffurt am 18. November 1989 auch zurück in seine Kindheit. Auf dem Foto rechts von ihm geht Kommandeur Joachim Poddig von der früher Bundesgrenzschutz genannten Bundespolizei. Foto: Archiv Bundespolizei Eschwege

Treffurt. Dass Egon Bahr als Architekt der Ostverträge gilt und die Politik der 1970er-Jahre prägte, kam nicht von ungefähr. Er stammt aus dem thüringischen Treffurt.

In der Grenzstadt nahe Wanfried wurde er am 18. März 1922 geboren. Am Donnerstag ist der SPD-Politiker und frühere Bundesminister im Alter von 93 Jahren gestorben. Die Öffnungen der innerdeutschen Grenze an mehreren ehemaligen Verbindungsstraßen waren im November 1989 schon besondere Ereignisse. Eine Steigerung war dann die zwischen Wanfried-Heldra und Treffurt am 18. November. Da kehrte ein prominenter bundesdeutscher Politiker, Egon Bahr, zurück in seine Heimatstadt. Die liegt nur einen Kilometer östlich der hessisch-thüringischen Landesgrenze und war bis Ende 1989 doch fast unerreichbar.

Der Fußmarsch am frühen Morgen vom gerade eröffneten Grenzübergang wird zum Triumphmarsch für den damals 67-Jährigen. Per Hubschrauber war er zur ehemaligen Grenze geflogen worden, zusammen mit Landtags-Vizepräsidenten Erika Wagner aus Eschwege und Kassels Oberbürgermeister Hans Eichel trat er zu Fuß den Weg in seine Geburtsstadt an.

Zusammenrücken im „Stern“ 

In der Falkener Straße steht das Elternhaus Bahrs. Der Vater war Lehrer, die Mutter Bankbeamtin. Als der Vater seine Stelle verlor, zog die Familie nach Berlin, wo er 1940 in Friedenau sein Abitur machte.

Der Weg in den Ort hat einige Stationen, immer wieder sprechen Treffurter die von drüben kommenden Besucher an. Ilse Koscielsky aus der Bäckerei drückt Bahr eine große Blume in die Hand: „Vor sechs Jahren, als Sie mal kurz hier waren, habe ich mich nicht getraut und die Blume wieder weggesteckt, heute kriegen Sie sie“, schreibt Karl-Hermann Huhn, damals Chefreporter der HNA, mit.

Ein Stück weiter freut sich eine Metzgersfrau darüber, nach Jahrzehnten den Mann begrüßen zu können, der „früher als Schuljunge oft bei uns im Laden gewesen ist“.

Dann, im vollbesetzten Gasthaus „Zum Stern“, rücken alle eng zusammen. Egon Bahr hat sich eine Pfeife angezündet. Er dankt Bürgermeister Günter May für die Begrüßungsrede und blickt zurück auf große entspannungspolitische Stationen.

Dann notiert Journalist Huhn sehr persönliche Worte von Bahr: „Dreimal in meinem Leben habe ich gesagt: Wenn Du jetzt stirbst, ist es nicht mehr so schlimm.“ Einmal sei das nach dem Moskauer Vertrag, dann nach dem Grundlagen-Vertrag gewesen und schließlich: „Heute.“

Egon Bahr, der seinen Sohn mit in die frühere Heimat genommen hat, fühlt sich sichtlich wohl. Endlich ist ein großes Ziel erreicht. Da ist vom Sterben nicht mehr die Rede. Vielmehr: „Jetzt müssen wir die Ärmel aufkrempeln.“

Von Stefan Forbert und Dieter Möller

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