Interview mit Wanfrieds Bürgermeister Gebhard

„Unser Konzept ist schwer kopierbar“

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Der Wanfrieder Hafen.

Wanfried. Wir sprachen mit Wanfrieds Bürgermeister Wilhelm Gebhard über seine Vermarktungsbemühungen, welche Erfolge zu verzeichnen sind und ob das Konzept auf andere Städte anwendbar ist.

Seit rund fünf Jahren ist Wanfried in allen Medien in Deutschland vertreten. Radio- und Fernsehsender, überregionale Zeitungen springen auf die nordöstlichste Stadt Hessens an. Denn sie hat etwas zu bieten: Neben dem absoluten Willen sich professionell zu vermarkten auch ein mögliches Rezept gegen die Abwanderung auf dem Land.

Herr Gebhard, kann man eine Stadt mit einem modernen Wirtschaftsbetrieb vergleichen?

Gebhard: Aus meiner Sicht ja. In meinem früheren Beruf gehörte es zu meinen Aufgaben, die Produkte im Markt anzubieten und zu etablieren. Für mich als Bürgermeister ist heute Wanfried das Produkt, das es zu vermarkten gilt. Dazu muss es stetig bekannt gemacht werden. Auch darf ein Betrieb es sich auf Dauer nicht leisten, mehr auszugeben, als man erwirtschaftet. Daran arbeiten wir im Rathaus mit Hochdruck.

Wieso muss man eine Kleinstadt wie Wanfried überhaupt vermarkten? 

Gebhard: Vermarktung heißt für mich in erster Linie, den Ort und die Region überregional bekannt zu machen. Eine Kleinstadt wie Wanfried muss stetig an seinem Bekanntheitsgrad arbeiten, um Touristen, Fachwerkliebhaber, Naturfreunde und Menschen aus dem Ballungsraum, aufmerksam zu machen. Nur wenn über uns gesprochen wird, hat man die Chance, diese Zielgruppen zu erreichen. Dazu ist uns in den vergangenen fünf Jahren unglaublich viel gelungen. Allein zehn Fernseh-, fünf Radiobeiträge sowie einige Berichterstattungen in namhaften überregionalen Tageszeitungen sind das Ergebnis unserer Vermarktungsstrategie, effektiv und kostenfrei. Man spricht mittlerweile deutschlandweit über uns. Das ist ein großer Erfolg.

Bringen diese Bemühungen überhaupt etwas, oder sind sie eine schwierige Sisyphusarbeit ohne Lohn? Gebhard: Neben den zahlreichen eigentlichen Aufgaben eines Bürgermeisters ist dies eine zeitintensive Arbeit, aber allemal lohnend für die Stadt. Man darf keine Chance ungenutzt lassen, die sich bietet. Viele Wochenenden werden dafür von vielen Ehrenamtlichen und von mir eingesetzt mit dem Ziel, Neubürger und Arbeitsplätze zu gewinnen.

Was wäre das Optimum der Vermarktung?

Gebhard: Wenn es uns durch die überregionale Berichterstattung und vor allem durch unsere aktive Arbeit gelingt, Menschen zu begeistern, die am Ende auch noch eine Produktidee und schlussendlich Arbeitsplätze mit nach Wanfried bringen, wäre das das Optimum unserer Vermarktungsanstrengungen. Aktuell sind wir gar nicht so weit davon entfernt. In den kommenden Wochen und Monaten wird es hierzu noch viel Arbeit für uns geben.

Haben die vorhandenen Einwohner, um die Sie sich ja eigentlich kümmern sollen, auch etwas von der Vermarktung? Gebhard: Zahlreiche Touristen zusätzlich - davon profitieren die Gastronomie und die Beherbergungsbetriebe. Neubürger bedeuten auch, dass sie sich an den Kosten für die Infrastruktur beteiligen. Beispielsweise zahlen sie Grundsteuern, verbrauchen Wasser und produzieren Abwasser, sie stärken die Kaufkraft vor Ort und erhalten damit Arbeitsplätze. Einstige Leerstände werden wieder bewohnt und saniert; davon profitiert das Ortsbild und das Wanfrieder Bauhandwerk.

Welche Erfolge hat Wanfried schon erzielt?

Gebhard: Insgesamt wurden mittlerweile 34 Immobilien durch die gemeinsame aktive Arbeit der ehrenamtlichen „Bürgergruppe für den Erhalt Wanfrieder Häuser“ und der Stadtverwaltung vermittelt. Die Immobilienkäufer und Interessenten kamen anfänglich aus den Niederlanden, mittlerweile ausschließlich aus dem deutschen Ballungsraum. Das Bauhandwerk hat durch diese Immobilienverkäufe in den vergangenen fünf Jahren zusätzliche Aufträge von über 1,5 Millionen Euro erhalten, die örtlichen Kreditinstitute durften sich über zusätzliche Darlehensverträge freuen. Aufträge, die ohne die Vermarktung unserer Stadt nicht erteilt worden wären.

Sind andere schon auf ihre Bemühungen aufmerksam geworden?

Gebhard: Bundes- und Landesbehörden sind auf Wanfried und auf unsere ganz eigene Art, mit dem demographischen Wandel und den daraus resultierenden Folgen umzugehen, aufmerksam geworden und fördern uns als beispielhafte Initiative. Wir halten deutschlandweit Fachvorträge über unsere Arbeit oder vor Interessengruppen, Behörden und Gremien anderer Kommunen, die sich auf den Weg nach Wanfried begeben, um mehr zu erfahren. Das zeigt, dass andere erst jetzt beginnen, sich mit der Thematik auseinander zu setzen. Wir sind einige Jahre voraus. Dazu gehört das „Fachwerkmusterhaus“.

Noch ist Wanfried Einzelkämpfer. Gebhard: Bislang hat sich im Werra-Meißner-Kreis nur die Stadt Bad Sooden-Allendorf für unser Konzept interessiert und arbeitet mittlerweile ebenfalls sehr erfolgreich an der Thematik. Auch dort hat sich ein Arbeitskreis aus Bürgern und dem Bürgermeister zusammengeschlossen, welcher von der Stadtverwaltung tatkräftig unterstützt wird.

Müsste man sich nicht mit Nachbarkommunen wie Meinhard, Eschwege oder Treffurt zusammenschließen?

Gebhard: Ein Zusammenschluss würde absolut Sinn machen. Allerdings: In der Art und Weise, wie wir in Wanfried unsere zielgerichtete Arbeit verstehen, durch persönliche Ansprache, individuelle Betreuung und Beratung, darf der Radius aber nicht größer werden. Wir sind jetzt aber an der Grenze des Machbaren. Ich kann nur jeder Kommune im Umkreis anraten, das Thema offensiv anzugehen und die Probleme nicht zu verschweigen. Alleine kann es niemand schaffen. Wir bieten an, das Beispiel Wanfried und unsere Arbeit auch in anderen Kommunen vorzustellen.

Kann man das Konzept denn auf andere Kommunen übertragen?

Gebhard: Ich habe eben das Beispiel Bad Sooden-Allendorf angesprochen. Das Konzept darf nicht von oben verordnet werden. Es kann auch nicht einfach kopiert werden. Damit findet man keine ehrenamtlichen Mitstreiter. Nur wenn Bürger und Stadt gemeinsam arbeiten und an einem Strang ziehen, funktioniert es. Es muss Spaß machen. Umso größer eine Stadt ist, umso schwieriger wird es, das Wanfrieder Konzept zu übertragen.

Von Tobias Stück

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