Interview: Bürgermeister Wilhelm Gebhard zum Austritt aus dem Tourismus-Verband

Wanfrieds Bürgermeister Wilhelm Gebhard.

Wanfried. Meißner 2010, Wanfried 2015, Meinhard 2016. Nach 17 Jahren ist der Tourismuszweckverband zusammen mit Eschwege zerbrochen. Wir sprachen mit Wanfrieds Bürgermeister Wilhelm Gebhard, wie sich der Tourismus ohne die professionelle Vermarktung des Verbands entwickelt hat.

Herr Gebhard, bereuen Sie Ihre Entscheidung zum Austritt? 

Wilhelm Gebhard: Wenngleich Frau Riedl (Geschäftsführerin des Tourismuszweckverbands, Anm. d. Redaktion) und ihr Team eine hervorragende Arbeit auf hohem Niveau geleistet haben, bereuen wir unsere Entscheidung bislang nicht.

Warum? 

Gebhard:  Die Mitgliedschaft im Zweckverband hat uns jährlich ca. 35 000 Euro gekostet. Diesen Betrag sparen wir jetzt. Der Gegenwert ist im Tourismus nur sehr schwer messbar. In finanzpolitisch schwierigen Zeiten darf auch vor dem Austritt aus einem Verband kein Halt gemacht werden. Die politischen Gremien der Stadt Wanfried waren sich sicher, dass sich der Tourismus auch ohne den Zweckverband weiter entwickelt.

Artikel zum Austritt von Meißner und Wanfried mit Stimmen beider Bürgermeister.

Woher kommt dieser Optimismus?

Gebhard: Die Stadt Wanfried ist hervorragend eingebunden in die Tourismusdestination Werratal. Das Werratal erfreut sich immer stärkerer Beliebtheit und Wanfried liegt mittendrin. Nach dem Ausscheiden aus dem Tourismuszweckverband ist Wanfried weiterhin Mitglied in der Werratal Tourismus Marketing GmbH. Wanfried gehört zum Naturpark Meißner-Kaufunger Wald sowie zur Grimm Heimat Nordhessen und ist Mitglied in der Werratal Touristik mit Sitz in Bad Salzungen und im Verein der Deutschen Fachwerkstraße. Sie alle vermarkten die Stadt Wanfried gut.

Diese Mitgliedschaften sind kostenfrei?

Gebhard: Nein. In Summe kosten uns die Mitgliedschaften vergleichsweise wenig Geld, erzielen aber einen großen Effekt. Für die Mitgliedschaften in der Fachwerkstraße und in der Werratal Touristik zahlen wir zusammen jährlich 1400 Euro. Die Kosten für die Werratal Tourismus Marketing GmbH werden seit 1. Januar vom Kreis übernommen.

Hat sich der Tourismus in der Stadt Wanfried im Jahr 2016 aufgrund des Umbruchs negativ entwickelt?

Gebhard: Nein, im Gegenteil. Die aktuell vorliegenden Zahlen des Hessischen Statistischen Landesamts sprechen eine sehr positive Sprache. Im Zeitraum Januar bis Oktober 2016 verzeichnete Wanfried insgesamt 3998 Ankünfte, was einer Steigerung zum Vorjahreszeitraum von zehn Prozent entspricht. Die Übernachtungszahlen stiegen im gleichen Zeitraum sogar um 11,3 Prozent und liegen bei 9621. Wir werden im Jahr 2016 die Marke von 10 000 Übernachtungen knacken. Auch die Aufenthaltsdauer der Gäste hat sich in den vergangenen Jahren positiv verändert. Mittlerweile bleiben die Gäste fast 2,5 Tage.

Gibt es Gründe für diese Entwicklung?

Gebhard: Das hat sicherlich viele verschiedene Gründe. Ich kann mir zunächst vorstellen, dass die allgemeine Sicherheitslage in der Welt den Urlaub im eigenen Land aktuell stärkt. Aber auch den vielen unterschiedlichen Akteure Akteuren in Wanfried haben wir die positive Entwicklung zu verdanken. Alle zusammen machen durch ihre tolle Arbeit, auch medial, auf Wanfried und die Stadtteile aufmerksam. Zudem setzen einige Beherbergungsbetriebe auf neue Buchungsportale und verzeichnen zusätzliche Übernachtungen.

Was wurde konkret getan?

Gebhard: Alle Tourismusakteure haben begonnen, die Zukunft des Tourismus ohne den Zweckverband neu zu denken und neu aufzustellen. Dabei erfährt die Stadt Wanfried große Unterstützung, beispielsweise vom Kultur- und Verkehrsverein. Es hat sich ein Arbeitskreis „Tourismus“ gebildet. Alle Aufgaben, die vom Tourismuszweckverband geleistet wurden, werden nun in Arbeitsgruppen beraten. Das Ehrenamt kann abfedern, aber nicht alles leisten.

Was wurde umgesetzt? 

Gebhard: Zwischenzeitlich haben wir mit Unterstützung der Arbeitsgruppe ein eigenes Gastgeberverzeichnis erstellt, weil das alte Verzeichnis aufgebraucht und überholt war. Erfreulich ist, dass insgesamt 24 Betriebe an dem Verzeichnis teilgenommen und die Kosten dafür mit dem Eintrag getragen haben. Die Stadtverwaltung hat die Koordination und die Abstimmung mit dem Werbeatelier übernommen.

Wie sehen Sie die touristische Entwicklung in der Zukunft?

Gebhard: Ich bin überzeugt davon, dass die Region Werratal in den nächsten Jahren durch die kreiseigene Marketing GmbH gut vermarktet wird. Wir müssen hier vor Ort unsere Aufgaben machen. Die vorhandenen Angebotemüssen gepflegt und erhalten werden. Darüber hinaus muss es zwischen den politischen Gremien, der Verwaltung und allen Tourismusakteuren einen noch engeren Schulterschluss geben. Die Gestaltung eines einheitlichen Erscheinungsbilds ist ebenso wichtig. Das wiederum muss jedoch in enger Abstimmung mit dem Naturpark entstehen. Kirchturmdenken gehört der Vergangenheit an. Die Gäste kommen in eine Region und nicht in eine Stadt oder Gemeinde.

 

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