Wanfrieder Abkommen: Zeitgeschichte auf dem Kalkhof

Der Retter von Wanfried.  Michael Burda freundete sich mit der Familie von Scharfenberg an.

Wanfried.  Am 17. September jährt sich das Wanfrieder Abkommen, das auf dem Kalkhof besiegelt wurde, zum 70. Mal. Der Vertrag, bei dem die Grenze zwischen der amerikanischen und der sowjetischen Besatzungszone verschoben wurde, ist auch eine persönliche Geschichte der Familie von Scharfenberg.

Es war ein Schock für die Wanfrieder im Jahr 1945: War die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg eigentlich Teil der amerikanischen Besatzungszone, besetzten Anfang Juli die Russen das Rathaus. Das zumindest belegt ein Zeitungsartikel aus der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, Zeitzeugen bestätigen zumindest das Eindringen der Russen in die Stadt: „Sie wollten Wanfried besetzen“, heißt es in einem Tagebucheintrag Irma von Staufenbergs vom 6. Juli 1945.

Der Retter von Wanfried.  Michael Burda freundete sich mit der Familie von Scharfenberg an.

Sie lebte damals auf dem Kalkhof in Wanfried und bekam viel mit von den damaligen Geschehnissen: Weil die Amerikaner ihr Zuhause als Stabsquartier ausgewählt hatten, blieben einige Entscheidungen und Vorhaben nicht geheim. So auch nicht die Rathaus-Besetzung: Voller Schrecken wurde der Oberkommandant der Amerikaner, Michael Burda, von dem damaligen Bürgermeister Christoph Müller gerufen, der sofort zum Rathaus fuhr. Mit Erfolg: „Die Russen wurden von den Amerikanern rausgeschmissen“, heißt es weiter in dem Tagebuch von Irma von Staufenberg.

Dass sich Burda so für die Wanfrieder eingesetzt hat, liegt wohl vor allem an seinem freundschaftlichen Verhältnis zu den von Staufenbergs. Er wusste von der Angst der Familie, dass die Russen Wanfried übernehmen könnten - und setzte sich dafür ein, dass die Stadt in amerikanischer Hand blieb.

Wohl auch deshalb war Wanfried kein Gegenstand bei den Verhandlungen zum Wanfrieder Abkommen, das auf dem Kalkhof besiegelt wurde. Das jährt sich am 17. September zum 70. Mal und ist der einzige anerkannte Vertrag, der die im Potsdamer Abkommen festgelegten Besatzungszonen ändert. „Burda muss damals deutlich gemacht haben, dass Wanfried tabu ist“, sagt Andreas von Scharfenberg, der heute mit seiner Familie auf dem Kalkhof wohnt und der Enkel der Tagebuchschreiberin ist. „Für uns ist das ein Glücksfall.“

Denn möglicherweise hätte es der Stadt auch so ergehen können wie den fünf hessischen Dörfern Sickenberg, Asbach, Vatterode, Weidenbach (Mackenrode) und Hennigerode: Alle wurden mit Besiegelung des Wanfrieder Abkommens der sowjetischen Besatzungszone zugeschlagen, im Gegensatz dafür wurden Neuseesen und Werleshausen hessisch.

Verhandelten für die Amerikaner. (Von links) Michael Burda, Taras Soviet, General Askalepon. Fotos: privat

Dass es überhaupt ein Abkommen gab, lag an einer amerikanischen Bahnlinie: Die führte von Bremerhaven nach München, vier Kilometer der Gleise liefen zwischen Bebra und Göttingen dabei durch die sowjetische Besatzungszone. Das führte immer wieder zu Reibereien: Die Russen blockierten die Linie auf Höhe von Oberrieden, sollen sogar einen deutschen Lokführer erschossen haben. Die Amerikaner drängten deshalb auf eine Lösung des Problems.

Die Russen sahen hier ihre Chance gekommen: Sie wollten die Werra als natürliche Grenze, Wanfried wäre somit zur sowjetischen Zone gekommen. Doch die Amerikaner um Michael Burda blieben hart: Wanfried sei nicht verhandelbar. Der Captain avancierte somit zum Retter der Stadt.

Besiegelt wurde das Wanfrieder Abkommen den Überlieferungen zufolge mit den bevorzugten Getränken der Russen und der Amerikaner: Wodka und Whiskey. Im Volksmund ist deshalb auch von einer Whiskey-Wodka-Linie die Rede.

Von Constanze Wüstefeld

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