Chiles Hilfe kommt aus Oetmannshausen

Endliche Tiefe. Die trichterförmige Tagbaumine der Minera Canderlaria hat eine Tiefe von 1000 Metern. Im ganzen Land wird Kupfer abgebaut. Foto:   Hans-Dieter Fischer/nh

Es verfügt über das größte bekannte Kupfervorkommen der Welt: das südamerikanische Land Chile. 5,8 Millionen Tonnen werden jährlich abgebaut. Was aber fehlt, sind qualifizierte Arbeitskräfte. Um die auszubilden, ist der Deutsche Hans-Dieter Fischer seit 2014 vor Ort - ursprünglich kommt er aus Oetmannshausen.

Ein Drittel der gesamten Weltproduktion von Kupfer stammt aus Chile, mehr als die Hälfte aller Exporteinnahmen erzielt Chile durch das Metall: 42,3 Milliarden US-Dollar (knapp 37,4 Milliarden Euro) wurden durch die Kupferausfuhr eingenommen. Doch der momentane Preisverfall für Kupfer auf dem Weltmarkt (im Vergleich zu 2011 ist er um mehr als 50 Prozent auf derzeit gut 4,57 US-Dollar pro Tonne gefallen) und fehlende Facharbeiter machen ein ökonomisches Wirtschaften schwer.

Einer, der sich zumindest für eine bessere Ausbildung der Menschen in Chile einsetzt, ist der Reichensächser Hans-Dieter Fischer. Der 65-Jährige ist seit November 2014 als Berater in einem Berufsbildungsprojekt in dem südamerikanischen Land und berichtet über die Situation des Bergbaus, über die Bildungspolitik und das Projekt, Fachkräfte auszubilden.

Gut 200 000 Fachkräfte fehlen in Chile derzeit im Bergbausektor - 55 000 Menschen sind momentan im Kupferbergbau tätig. Gefragt sind überwiegend Wartungstechniker und Operateure für die Anlagen und den mobilen Fahrzeugeinsatz, aber auch qualifizierte Ingenieure und Facharbeiter für Energieversorgung, Wassermanagement und Sicherheitsvorkehrungen am Arbeitsplatz.

Zur Person

Hans-Dieter Fischer kommt aus dem Wehretaler Ortsteil Oetmannshausen. Der 65-Jährige war bis zu seiner Pensionierung 2013 als Lehrer an den Beruflichen Schulen Eschwege in den Fächern Metalltechnik (Maschinenbau) und Sport tätig. Fischer hat sich kommunalpolitisch in der SPD engagiert und war über zehn Jahre erster Beigeordneter der Gemeinde Wehretal und Stellvertreter des Bürgermeisters.

Nach Chile ist er im November 2014 ausgewandert. Schon von 1996 bis 1998 hat er als integrierte Fachkraft des Centrums für internationale Migration und Entwicklung in Santiago/Chile gearbeitet. Von 1990 bis 1992 war der heute 65-Jährige bereits als Entwicklungshelfer in der beruflichen Bildung in Bolivien tätig.

Um diesem Fachkräftemangel entgegenzuwirken und gleichzeitig die berufliche Qualifikation zu verbessern, wurde ein Pilotprojekt ins Lebens gerufen, das vom deutschen Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung sowie von Chile aus gemeinsam angestrebt wird. Als Vorbild gilt das deutsche duale Ausbildungssystem. „Das Projekt läuft seit 2013, ich bin seit Dezember 2014 mit im Boot“, sagt Hans-Dieter Fischer.

Zuerst habe er die Bergbaubetriebe in der Region um Copiapó kennengelernt und sich mit dem technischen Führungspersonal ausgetauscht. Schnell sei man zu der Entscheidung gelangt, einen neuen Ausbildungsberuf einzuführen: den Elektromechaniker. „Der ist eine Kombination aus den Berufen Elektrotechniker und Industriemechaniker“, erklärt Fischer. „Ein ausgebildeter Elektromechaniker wäre so bei einem Störfall innerhalb des Produktionsbetriebes in der Lage, sowohl elektrische als auch mechanische Probleme zu beheben.“

Quereinstieg möglich

Berücksichtigt wurden bei dem neuen Beruf nicht nur Ausbildungsinhalte: Auch die Bedingungen des chilenischen Arbeitsmarktes sowie die schwierigen sozialen Lebenssituationen vieler Arbeiter sollten in dem Pilotprojekt berücksichtigt werden. „So ist zum Beispiel auch ein Quereinstieg möglich“, macht Fischer deutlich. So werde einem erfahrenen Arbeiter mit entsprechend erworbenen fachlichen Kompetenzen ein Einstieg in den dualen Ausbildungsprozess ermöglicht. „Die nachzuweisenden fachlichen Kompetenzen kann sich jeder Arbeiter durch die Teilnahme an den verschiedenen Zertifizierungsprojekte des Landes, die in Chile seit einigen Jahren verstärkt vorangetrieben werden, bescheinigen lassen.“ Das Modell lasse darüber hinaus aber auch die Möglichkeit eines frühzeitigen Ausscheidens zu.

Noch bis März geht das auf drei Jahre lang angelegte Projekt, „dann kommt es darauf an, ob das entwickelte Ausbildungssystem unter chilenischer Regie eigenständig weitergeführt wird“, sagt Fischer. Der Wille bei den Unternehmen sei da, der deutsche Standard werde in nächster Zeit jedoch nicht erreicht werden können. „Es ist aber schon jetzt die Einsicht da, tatsächlich mehr in die chilenische Ausbildung zu investieren“, weiß Fischer aus Gesprächen mit den Verantwortlichen vor Ort.

Die Bildungspolitik 

Während der Pinochet-Diktatur 1973 setzte eine radikale Privatisierung des Bildungswesens ein - die staatlichen Schulen wurden vernachlässigt und die Familien müssen seither horrende Schul- und Studiengebühren für ihre Kinder aufbringen. Auch unter der neugewählten Präsidentin Michelle Bachelet hat sich bisher entgegen ihrer Ankündigungen nicht viel bewegt. Seit 2011 gibt es deswegen immer wieder Protestbewegungen, die die Abschaffung der Gebühren an Schulen und Hochschulen und den offenen Zugang zu allen Bildungseinrichtungen fordern - unabhängig von den Finanzen der Familien.

In Chile existiert keine Berufsausbildung, die mit der in Deutschland vergleichbar wäre. Jugendliche, die eine Arbeit finden, werden in den Unternehmen für ihre Tätigkeit angelernt. Alle anderen, die den Schulabschluss „Educación media“ (Abitur) haben, können an den teils staatlichen, teils privaten Universitäten studieren.

Von Hans-Dieter Fischer und Constanze Wüstefeld

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