Führung durch die Anlage in Reichensachsen

Der Weg des Abwassers: Im Klärwerk ist es sauberer als gedacht 

+
Blick in das Bewegungsbecken: Der Geschäftsführer des Abwasserverbandes Wehretal-Sontratal Pascal Jacob erklärt, dass die Schlamm-Wölkchen auf dem Wasser dafür sorgen, dass Harnstoffe und Phosphate herausgefiltert werden.

Erstaunlich sauber: Das ist der erste Gedanke, der einem durch den Kopf schießt, als das Wasser durch den Zulauf der Kläranlage in Reichensachsen fließt. Nur hier und da ist mal so etwas wie die Überreste einer Windel zu erkennen, größere Verunreinigungen lassen sich aber nicht ausmachen – zum Glück.

„Das liegt daran, dass das Wasser ja schon einen langen Weg hinter sich hat, bevor es hier überhaupt ankommt“, erklärt Pascal Jacob mit einem verschmitzten Grinsen im Gesicht, „da hat sich schon vieles aufgelöst oder ist irgendwo hängen geblieben.“ Der Geschäftsführer des Abwasserverbandes Wehretal-Sontratal muss es wissen: Vor 16 Jahren hat er seine Ausbildung im Betrieb begonnen, hat das Wasser seitdem nicht nur von außen betrachtet, sondern stand auch schon mal mitten im Zulauf-Rohr. „Manchmal muss das dann doch sein.“ 

Hervorragende Duschen im Haupthaus

Ist das Wasser von grob- sowie feinkörnigem Material und Fetten gereinigt, macht es sich auf den Weg zur bakteriellen Reinigung. Dort wird das Wasser von nicht sichtbaren Stoffen wie Phosphaten und Harnstoffen befreit.

Was bei einigen Menschen sicherlich ein Ekelgefühl hervorrufen würde, kann Jacob nicht schocken. Zum einen gebe es dank dem Verbandsvorsitzenden Bernd Schleicher hervorragende Duschen im Haupthaus, zum anderen ist der Familienvater jeden Tag aufs Neue fasziniert, „wie aus dem ankommenden dreckigen Wasser eine kristallklare Flüssigkeit wird“. Möglich macht das eine Kläranlage, die dafür ausgelegt ist, das Abwasser von 19 000 Menschen zu reinigen – und die im Vergleich zu anderen Kläranlagen, die für diese Personenzahl ausgelegt ist, relativ groß ist. 

Hat das ankommende Wasser den Zulauf passiert, wird es in den Hebeanlagen mittels drei Pumpen – die älteste ist im Dezember 1979 in Betrieb genommen worden – aufgrund der topografischen Gegebenheiten ein Stockwerk nach oben befördert und mechanisch gereinigt: Siebtrommeln fangen alles Material ab, dessen Durchmesser größer als drei Millimeter ist. Feinkörnigeres Material wird erst anschließend herausgefiltert: In einer Wasserstraße blubbert es kräftig vor sich hin, wodurch sich der Dreck absetzt und abgesaugt wird. Gleichzeitig wird durch das Flotationsverfahren dafür gesorgt, dass sich im Wasser befindliche Fette nach oben absetzen. „Die werden dann zu Rekultivierungszwecken abgegeben“, erläutert der Verbandsvorsitzende Bernd Schleicher.

Sauberer als gedacht: Führung durch das Klärwerk Reichensachsen

Schlamm wird abgeschöpft

Aus fünf Kommunen fließt das Wasser über den Zulauf in die Kläranlage, die für 19 000 Menschen ausgelegt ist. Gleich zu Beginn wird der Verschmutzungsgrad mittels technischen Geräten festgestellt – der dient später der Berechnung dafür, wie viel die im Verband befindlichen Kommunen zahlen müssen. Aufgenommen werden können pro Sekunde maximal 200 Liter Wasser – sind es mehr, fließt es über ein Rohr (links im Bild) in ein Überlaufbecken, das über ein Volumen von 1600 Kubikmeter verfügt.

Hat das Wasser die mechanische Reinigung durchlaufen, werden ihm erst Eisen-Chlorid und dann Bakterien zugesetzt: Beide sorgen im 4,20 Meter tiefen Belebungsbecken dafür, dass sich Stoffe wie Harnstoffe und Phosphate an die an der Wasseroberfläche schwimmenden Schlamm-Wölkchen heften, die abgeschöpft werden. „Damit sich in dem Becken nichts absetzt, wird das Wasser durch zwei Rotatoren ständig in Bewegung gehalten“, erklärt Jacob den Vorgang. Zusätzlich werde immer mal wieder Sauerstoff eingepumpt, quasi als Nahrung für die Bakterien. Sichtbar wird dieser Vorgang dadurch, dass sich an der Wasseroberfläche viele kleine Bläschen bilden, was für die Menschen gefährlich wird, sollten sie in das Becken fallen. 

„Die Oberflächenspannung des Wassers ist aufgehoben und es entsteht eine Sogwirkung.“ Hat das Wasser auch dieses Becken durchlaufen, geht es in die optisch bekannten runden Nachklärbecken. Bewegung im Wasser ist hier nicht erwünscht, so kann sich der restlich im Wasser verbliebene Schlamm absetzen und mithilfe von großen Schaufeln in die Mitte des Beckens geschoben werden, wo er abgesaugt wird. „Übrig bleibt dann das klare Wasser, das in die Wehre fließt“, freut sich Jacob. Trinken sollte man das zwar nicht, weil zum Beispiel die Wirkstoffe der Pille nicht restlos herausgefiltert werden konnten. „Aber Badewannenqualität hat das Wasser allemal.“

Kommentare