Neapel: Müllkrise ohne Ende

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In Neapel gibt es keine kurzfristige Lösung für die Müllkrise.

Neapel - Als die Müllkrise wieder ausbrach und es Proteste dagegen gab, versprach Italiens Regierungschef Silvio Berlusconi rasche Abhilfe. Doch zunächst können die Müllberge nur umverteilt werden.

Was dermaßen zum Himmel stinkt wie der Müll rund um Neapel, das kann man nicht in ein paar Tagen beseitigen. Und ein Notstand, der erstmals vor 16 Jahren ausgebrochen war und seitdem immer wieder für Schlagzeilen sorgt, den schafft so rasch auch kein “Machtwort“ der Regierung in Rom aus der Welt. Nach den nächtlichen Krawallen am Deponiestandort Terzigno im Vesuv-Naturschutzgebiet sind die Politiker zwar bemüht, die Wogen zu glätten. Das Müllproblem der Hauptstadt Kampaniens dürften sie so rasch jedoch nicht bewältigen.

Im vernachlässigten und von Mafia und Korruption verseuchten Süden glaubt sowieso kaum noch jemand an die “Macht“ der Regierung. Also gehen die Demonstrationen in Terzigno weiter, obwohl doch der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi mit der ihm eigenen Vollmundigkeit herausposaunt hatte, “in zehn Tagen“ werde man alles unter Kontrolle haben. Am Dienstagabend waren es wieder etwa 3000, die - diesmal ohne Straßenschlachten mit der Polizei und brennende Müllautos - gegen die nahe gelegene Müllhalde Sari protestierten. Nach blutigen Zusammenstößen von Polizei und Krawallmachern hat Innenminister Roberto Maroni von der Lega Nord mit einer härteren Gangart gegen Gewalttäter gedroht. Und Verteidigungschef Ignazio La Russa bot gar erneut Soldaten an, um beim “Aufräumen“ in der Region zu helfen.

Den Anti-Krisen-Rezepten des eingesetzten Zivilschutzchefs Guido Bertolaso trauen aber viele unter dem Vulkan einfach nicht. Sie haben ihre eigenen Erfahrungen mit “denen da oben“ im Kampf gegen die Müllberge gemacht. So bleibt die Lage an der Abfallfront angespannt. Italienisches Paradox: Bei Terzigno steht eine ziemlich große Deponie bereit, die den Sicherheitsstandards genügen soll und ein gutes Stück von den Abfallbergen aufnehmen könnte. Doch Bertolaso verschiebt die Öffnung der Müllhalde “Cava Vitiello“ vorerst auf den Sankt-Nimmerleinstag - aus politischen Gründen, um die Gemüter zu besänftigen.

An der Müllfront kann man zunächst den Abfall also nur umschichten. Es gibt nur eine Müllverbrennungsanlage Acerra, die auch nur halbwegs funktioniert - zwei müssen bei Neapel und Salerno erst noch eröffnet werden. “Von Neapel bis zum Staat - die Kette der Schuld“, hat “Il Messaggero“ alle Verantwortlichen dafür im Visier. In Terzigno, derzeit Epizentrum der Proteste, geht es jetzt wieder mehr um die aktive Deponie “Sari“: Der widerliche Gestank, der dieser Halde entströmt, hatte die Bürger so richtig aufgebracht. Also fahren Lastwagen nun Erde heran, um den übelriechenden Müll damit zu bedecken. Doch schon in der Nacht zum Freitag dürften auch Müllautos wieder diese Deponie ansteuern. Denn etwa 2000 Tonnen Abfall aus der Millionenstadt am Golf und der Umgebung müssen rasch entsorgt werden.

Damit das Versprechen des Cavaliere jetzt eingehalten werden kann, was dem auch sonst in Rom mit politischen Problemen überschütteten Berlusconi so gut anstehen würde, werden alle Hebel bewegt: So will der Zivilschutzchef in Serre bei Salerno eine mit rund 700 000 Tonnen Abfall längst vollgefüllte Deponie wiedereröffnen - der Bürgermeister des betroffenen Ortes, Palmiro Cornetta: “Dann bauen wir Barrikaden.“ Mülltrennung ist in der Millionenstadt Neapel noch ein Fremdwort, die Regierung hat zugesagte 270 Millionen Euro an die kampanischen Kommunen zur Müllbewältigung nicht gezahlt, das ganze Management ist ein Desaster - so sehen Kritiker das, was rund um den Vesuv passiert. Und immer wird daran erinnert, dass vor allem die auf Transport und Lagerung spezialisierte Mafia ihre Hände mit im Spiel haben dürfte. All dies spricht nicht für ein baldiges Ende der jüngsten Müllkrise.

dpa

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