Schon elf Füße in Turnschuhen angeschwemmt

Vancouver - Neben Muscheln, Holz und Plastikmüll wird an der nordamerikanischen Westküste immer wieder grausiges Strandgut angespült. In den vergangenen vier Jahren fanden Spaziergänger in alten Schuhen elf Menschenfüße.

Spielende Kinder und arglose Spaziergänger entdecken die grausigen Funde: Nach und nach stoßen sie an der nordamerikanischen Pazifikküste auf elf menschliche Füße, alle stecken in Turnschuhen, von den Leichen keine Spur. Besser hätten sich Hollywoods Drehbuchautoren den Auftakt für einen Grusel-Thriller nicht ausdenken können. Doch die Geschichte ist wahr. Seit August 2007 sind im kanadischen Vancouver und im US-Nachbarstaat Washington elf menschliche Füße in Sportschuhen angeschwemmt worden, zuletzt Ende August.

Nicht bewahrheitet haben sich Befürchtungen, dass ein Massenmörder sein Unwesen treibt. Der “Reebok Ripper“, wie das gruselige Phänomen einst in griffigen Schlagzeilen verulkt wurde, ist nur Fantasie. Davon ist die kanadische Forensikerin Gail Anderson fest überzeugt. Es gebe eine ganz “unspektakuläre“ Erklärung, erzählt die Wissenschaftlerin der Nachrichtenagentur dpa. Bei Leichen, die im Wasser treiben, würden sich bei der Verwesung Körperteile leicht ablösen - “vor allem um den Knöchel herum“ - sobald sich das Weichgewebe zersetzt.

Die Professorin von der Simon-Fraser-Universität in Vancouver kann das Grauen nach den ersten mysteriösen Funden nachvollziehen. “Es war schon seltsam, dass die ersten drei Füße alle von rechten Beinen stammten, gleich groß waren und in Turnschuhen steckten“, räumt die Wissenschaftlerin ein. Dass nur Füße angespült wurden, wundert sie nicht. Moderne Sportschuhe, viele davon mit Luftpolstern, würden “wie eine Rettungsweste“ Auftrieb geben und damit ein Absinken verhindern.

Der elfte Fuß wurde Ende August in einem Bootshafen nahe Vancouver von einem elfjährigen Jungen entdeckt, berichtete der kanadische Sender CBC. Es gebe keinerlei Hinweise für eine Gewalteinwirkung, betont der Gerichtsmediziner Stephen Fonseca. Es soll sich um den Fuß eines Mannes handeln. Von DNA-Untersuchungen wurden weitere Aufschlüsse erhofft.

In den meisten Fällen tappen die Ermittler in Dunkeln. Von den in Kanada gefundenen Füßen konnten nur vier identifiziert werden. So wurde etwa der erste Fund einem vermisst gemeldeten Mann zugesprochen, der unter Depressionen litt und sich möglicherweise das Leben genommen hatte. In keinem der Fälle gab es Anzeichen dafür, dass ein Fuß gewaltsam vom Körper abgetrennt wurde, meint Anderson. Die Todesursache ist damit aber nicht geklärt. “Natürlich können wir dem Fuß nicht ansehen, ob sein Besitzer durch einen Kopfschuss starb oder nicht“, betont die Forensikerin.

Anderson listet einige Möglichkeiten auf: Flugzeugabstürze, Bootsunfälle, ertrunkene Schwimmer, Selbstmörder. “Das ist die traurige Seite der Geschichte, wenn die Person nicht als vermisst gemeldet ist“, sagt die Wissenschaftlerin. Dann könnten DNA-Analysen nicht verglichen werden, und die Spur verlaufe im Sand.

Jeder angeschwemmte Fuß an der Pazifikküste sorgt inzwischen für Schlagzeilen. “Dabei passiert das an allen Küsten, von Europa bis Neuseeland“, versichert Anderson. Das habe sie von den dortigen Behörden erfahren. Doch in Kanada sind die Spaziergänger wachsam geworden. “Viele Leute erzählen mir, dass sie alte Turnschuhe am Strand genau inspizieren, das hätte früher niemand getan“, sagt die Rechtsmedizinerin.

Genaues Hinschauen ist wichtig, denn es könnte sich auch um einen makabren Scherz handeln. Im Juni 2008 entpuppte sich ein vermeintlicher Fuß im Joggingschuh als eine knochige Tierpfote in einer Socke, die mit Seetang umhüllt in einem Schuh steckte.

dpa

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