Winnenden-Prozess: Psychotherapeutin verweigert Aussage

Stuttgart - Im Prozess gegen den Vater des Amokläufers von Winnenden vor dem Landgericht Stuttgart hat die Psychotherapeutin des Amoktäters Tim K. die Aussage verweigert.

Über ihren Rechtsanwalt erklärte die 39-Jährige am Donnerstag vor Gericht, sie mache von ihrem Zeugnisverweigerungsrecht Gebrauch. Dies gelte auch für ihre Aussagen bei früheren Vernehmungen bei der Polizei.

Anschliessend vernahm das Gericht eine Notfallseelsorgerin des Kriseninterventionsteams der Polizei vernommen, die die Familie des Angeklagten auch Monate nach der Amoktat von Tim K. psychosozial betreute.

Tim K. sprach von Mordphantasien

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Die ehrenamtliche Helferin verwies auf ein Gespräch mit den Eltern vom Tim K. einige Tage nach der Amoktat. So soll Tim K. seiner Mutter bereits im April 2008 gesagt haben: “Ich glaube, ich fühle mich komisch. Ich habe irgendetwas“, woraufhin er auf Empfehlung seines Hausarztes in psychiatrische Behandlung nach Weinsberg (Landkreis Heilbronn) kam. Dort soll der 17-Jährige in seiner ersten Sitzung gesagt haben, er habe “ein Hass auf die Welt und möchte die ganze Menschheit umbringen“. Dies habe er jedoch am darauffolgenden Sitzungstag zurückgenommen, sagte die Seelsorgerin unter Berufung auf ein weiteres Gespräch mit den Eltern. Einige Behandlungstermine später sei Tim K. mit der Begründung entlassen worden, bei ihm lägen “keine schwerwiegenden Erkrankungen“ vor.

Nach der Amoktat hätten sich nach Angaben der Notfallseelsorgerin die Eltern über diese Diagnose sehr geärgert: “Die in Weinsberg hätten das doch merken müssen“, sollen beide übereinstimmend gesagt haben. Allerdings seien Tim K. auch weitere Therapien angeraten worden, die der Amokläufer jedoch nicht angenommen habe. Um mehr soziale Kontakte für den Sohn herzustellen, habe der Angeklagte dann beschlossen, ihn in seinen Schützenverein mitzunehmen.

Familie leidet noch heute unter den Folgen

Die Seelsorgerin sprach zudem über die Folgen der Amoktat für die Familie. So hätten die Familienmitglieder zunächst “fassungslos und schockiert“ auf die Bluttat reagiert. “Sie waren alle am Boden zerstört über das Leid, das ihr Sohn angerichtet hatte“, sagte sie. Vor allem die Tochter und die Ehefrau des Angeklagten hätten stark unter den Folgen gelitten. Dies sei durch die Morddrohungen, die vielen Umzüge und die ständige Angst davor, entdeckt zu werden, nur noch verstärkt worden.

Nach Angaben der Notfallseelsorgerin wollte Tim seinem Vater zum 50. Geburtstag etwa 1.000 Schuss Munition schenken, was er aber aufgrund seines Alters nicht gedurft habe. Daraufhin habe der Vater die Munition mit dem Geld von Tim K. gekauft. Es ist dennoch weiterhin unklar, wie Tim K. an die Munition für den Amoklauf kam.

Der Vater von Tim K. muss sich seit Mitte September vor Gericht verantworten, weil er laut Anklage seinem Sohn Zugriff auf eine erlaubnispflichtige Schusswaffe sowie Munition ermöglicht hat.

Der 17 Jahre alte Schüler hatte am 11. März 2009 bei einem Amoklauf in Winnenden und seiner anschließenden Flucht in Wendlingen 15 Menschen und anschließend sich selbst getötet. Die Tatwaffe hatte er aus dem Schlafzimmer der Eltern entwendet.

Der Prozess soll am kommenden Dienstag (16. November) fortgesetzt werden.

dapd

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