CSU-Parteitag

Seehofer umschmeichelt Merkel

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Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) und die Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) stehen am Freitag beim Parteitag der CSU in München gemeinsam auf der Bühne und umarmen sich.

München - Mit einem Schwenk in der Griechenland-Politik empfängt die CSU die Gastrednerin Angela Merkel am Parteitag. Horst Seehofer gewährt dem taumelnden Griechenland mehr Zeit, vielleicht auch mehr Geld. Aus Kalkül: Er will ja auch was von Merkel haben.

Angela Merkel erträgt die plötzlich aufwallende Geschwisterliebe mit Fassung. Horst Seehofer greift auf offener Bühne nach der Kanzlerin, zieht sie an seine Brust, die 900 Delegierten johlen. Fürs perfekte Foto fehlt jetzt noch, dass sie hinten den Fuß hochschnellen ließe, aber sie beherrscht sich. Auch so ist schon genügend sichtbar: So lieb wie heute hatten sich CSU und CDU schon lange nicht mehr.

Es gab wahrlich schon kühlere Empfänge der CDU-Vorsitzenden bei der mitunter störrischen Schwesterpartei, es gab schon verbale Spitzen und sogar Torten, die sie pikiert stehen ließ. Diesmal aber bereitet Seehofer der Kanzlerin einen butterweichen Empfang. „Die wird gut drauf sein“, flötet er schon vor der Tür in blendender Herbstsonne, „die hat auch allen Grund dazu.“

Kanzlerin Merkel beim CSU-Parteitag

Kanzlerin Merkel beim CSU-Parteitag

Zum Beispiel den: Seehofer räumt am Morgen des Parteitags mal eben eine bisher zentrale CSU-Position zugunsten der Kanzlerin. Er bietet Griechenland mehr Zeit zur Konsolidierung, auch wenn das mehr Milliarden kosten sollte. Die griechischen Reform- und Sanierungsschritte zeigten Wirkung, sagt er. „Die ökonomischen Ungleichgewichte in Europa nehmen ab.“ Wenn die Troika demnächst zusätzliche Hilfen empfehle, sei das zu besprechen.

Das klang bisher anders in der CSU, deren Repräsentanten Griechenlands Euro-Aus insgeheim für unvermeidlich halten. Seit Wochen aber hält die CSU still, wohl auch, um sich nicht von der im Umfragehoch glänzenden Kanzlerin abzugrenzen. „Vom brüllenden Löwen zum schnurrenden Kater“, schreiben Journalisten vom Parteitag. Merkel scheint es ähnlich zu empfinden. „Entspannt“ sei er ja, bescheinigt sie Seehofer und wiederholt einen alten Scherz aus dem Vorjahr: „Wunderbar. Mal schauen, wie lange es anhält.“

Es hält zumindest für ihre Rede, in Teilen übrigens jene, aus der sie Passagen schon im September beim Gillamoos in Niederbayern hielt. Merkel beschwört die Geschlossenheit der Union: „Wir machen’s uns nicht zu jeder Sekunde einfach. Das ist so eine Art Test, wer noch wie viel Kraft hat. Wenn’s drauf ankommt, halten wir aber zusammen. Das wird nächstes Jahr wieder so sein.“ Im Wahljahr 2013.

Aufgestiegen - und unter Merkel abgestiegen: Röttgen ist kein Einzelfall

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Merkel bittet die CSU um einen europafreundlichen Kurs. „Bei allem Ärger“, sagt sie, „ist Europa unsere Lebensversicherung“ für ein Leben in Frieden und Freiheit. Sie erzählt von ihrer Reise nach Athen, von ihrem Verständnis sogar für die Anti-Merkel-Proteste: „Ich habe 35 Jahre darauf gewartet, demonstrieren zu können“, sagt sie über ihre DDR-Herkunft. Es sei gut zu wissen, dass die Demonstranten, die keine Gewalt anwendeten, „nicht im Knast sitzen abends“.

Der CSU-Parteitag erlebt die seltsame Situation, dass die 900 Delegierten einstimmig einen teils markig formulierten Leitantrag zu Europa verabschieden. Drinnen erklärt Euro-Rebell Peter Gauweiler, dass er den Schriftsatz mitträgt, warnt aber vor zu weiten Zugeständnissen: „Wir können nicht alle umarmen und uns vergessen.“ Draußen erklärt indes Seehofer seine Geduld mit Griechenland, von der im Leitantrag nichts steht. Auch manche Vorständler reagieren darauf mit Stirnrunzeln.

Die Harmonie aber hält. „Dreidimensional denken“, raunt Seehofer Skeptikern zu. Man ahnt nur, was er damit meinen könnte: Dass die Europa-Milde ein Baustein seines Plans ist, in einem großen Paket etliche Regierungsentscheidungen zu treffen und gleichzeitig möglichst viel für Bayern rauszuholen. In einer Woche trifft sich die Berliner Koalition, und auf Seehofers Wunschzettel stehen Mindestlohn, Betreuungsgeld, Verkehrsmilliarde und Details der Energiewende.

Wer Merkel genau zuhört, hört raus, dass die Kanzlerin mehrere dieser Punkte antippt. Explizit stellt sie sich sogar hinter das umstrittene Betreuungsgeld. „Wenn wir’s mit der Wahlfreiheit ernst meinen, kann man nicht grundsätzlich gegen das Betreuungsgeld sein.“ Das ist zwar wahrlich kein flammender Appell, aber eine klare Aussage.

Merkel wird mit Jubel verabschiedet, minutenlang klatschen die Delegierten stehend. Seehofers Kuscheltaktik wird von der Basis voll mitgetragen. Der Parteichef gibt ihr allerdings, ehe sie mit flottem „Tschühüüß“ ins gepanzerte Auto springt, eine Warnung mit. Der schnurrende Kater“, sagt er, „ist nicht immer geschmeidig.“

Von Christian Deutschländer

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