Prozess in München

NSU-Opfer: "Als hätte mir jemand die Beine weggeschossen"

+
Menschen gehen in Köln durch die Keupstraße.

München - Im Münchner NSU-Prozess hat das erste Opfer des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstraße ausgesagt - und in eindringlichen Worten von seinen körperlichen und seelischen Leiden berichtet.

An dem Tag, der ihr Leben für immer verändern sollte, wollen die beiden Freunde nur schnell einen Döner essen, in der Keupstraße in Köln. Doch zurück zu ihrem Auto kommen sie nicht mehr. Als sie auf Höhe eines Friseurladens sind, passiert es: Direkt neben ihnen geht eine Bombe in die Luft, gefüllt mit mindestens 700 Zimmermannsnägeln, die möglichst vielen Menschen den Tod bringen sollten. Die beiden jungen Männer werden weggeschleudert, Nägel bohren sich tief in ihre Oberschenkel, ihren Rücken. Doch, und das ist angesichts der enormen Kraft der Bombe ein Wunder: Sie leben.

Was ihnen an jenem 9. Juni 2004 widerfahren ist, dass sie Opfer eines Bombenanschlags geworden sind, erfahren die beiden erst einige Tage später im Krankenhaus. Und bis klar ist, wer die Täter sind, dauert es mehr als sieben Jahre: bis der „Nationalsozialistische Untergrund“ im Herbst 2011 auffliegt. Mittlerweile geht die Anklage davon aus, dass die mutmaßlichen NSU-Terroristen Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt den Sprengsatz dort deponiert haben. Beate Zschäpe, die einzige Überlebende des NSU-Trios, steht als Mittäterin vor Gericht.

Am Dienstag nun, fast elf Jahre später, sitzen Sandro D. und Melih K. als Zeugen vor dem Oberlandesgericht - als erste der 22 Menschen, die damals in der von türkischen Migranten geprägten Straße verletzt wurden. Lange haben sie auf diesen Tag gewartet. Nach seiner Aussage solle endlich die „richtige“ Psychotherapie beginnen, sagt Sandro D.

Doch zunächst müssen die beiden in aller Ausführlichkeit erzählen, was damals passiert ist - beziehungsweise an was sie sich überhaupt erinnern. Das sei so gewesen, als habe ihm jemand die Beine weggeschossen, erzählt Sandro D. „Da war alles voller Qualm, alles war kaputt.“

Er drückt „etwas Gelbes“ zur Seite (später erfährt er, dass es die zerfetzte Markise des Friseurladens ist) und schleppt sich auf die andere Seite. Passanten ziehen ihm sein Oberteil aus, das Feuer gefangen hat. Sandro D. sieht seinen Freund drüben auf der Straße liegen, ruft nach ihm - doch er kann nichts hören: Die Wucht der Detonation hat ein Trommelfell zerstört. „Das war wie in einem schlechten Film, alles in Zeitlupe, alles ohne Geräusche.“

Und dann erzählt der heute 34-Jährige von seinen Verletzungen: den Nägeln, die in seinen Körper eingedrungen waren, einer bis in seinen rechten Oberschenkelknochen; den Verbrennungen; den zerfetzten Fingern; der riesigen Wunde an seiner Schulter. „Das war alles so fürchterlich.“ Viele Male muss er operiert werden - und leidet doch bis heute. „Narben habe ich eigentlich am ganzen Körper“, sagt er.

Dann ist Melih K. an der Reihe. Auch er berichtet von dem plötzlichen Knall. „Als ich meine Augen wieder aufgemacht hab, hab ich gesehen, dass alles in Schutt und Asche war.“ Er hört zwar seinen Freund nach ihm rufen, doch antworten kann er ihm nicht. Passanten löschen seine brennenden Haare.

Auch bei Melih K. müssen die Ärzte in einer Notoperation Nägel entfernen, die wie Geschosse in seinen Körper eingedrungen sind; neun sind es an der Zahl. Fotos, die sein Arzt später auflegt, zeigen große, klaffende Wunden. „Und die Stichflamme ist in mein Ohr hinein und hat das Trommelfell ausgebrannt.“ Sein linker Arm und sein Gesicht sind großflächig verbrannt. „Meine Gesichtszüge konnte man an den ersten Tagen nicht wirklich erkennen.“

Doch die beiden Freunde leiden in den Tagen nach dem verheerenden Anschlag nicht nur unter ihren Verletzungen. Sondern auch darunter, dass ihnen anfangs jeglicher Kontakt verwehrt wird. „Ich wusste nicht, ob er lebt oder nicht lebt“, erzählt Melih K. Seiner Mutter sei damals bei der Polizei gesagt worden, dass er als verdächtig gelte. Er und sein Freund hätten später sogar noch Fingerabdrücke und DNA-Proben bei der Polizei abgeben müssen. Auch Sandro D. sagt: „Man hat uns am Anfang verdächtigt.“ Vielleicht hätten ja die beiden das Fahrrad dort abgestellt - und die Bombe sei nur zu früh explodiert.

Melih K. äußert aber dann schon bei seiner Befragung durch die Polizei einen klaren Verdacht: dass die Tat einen rassistischen Hintergrund haben müsse; dass da wohl ein „Ausländerhasser“ am Werk war. „Vielleicht so Nazis“, sagt er in seiner ersten Vernehmung. Nun, vor Gericht, fügt er hinzu: „Da braucht man kein Ermittler sein.“

Beate Zschäpe sitzt während der Aussagen der beiden jungen Männer da wie immer, schaut ins Leere. Keine Reaktion auch, als der 59-jährige Sükrü A. in den Zeugenstand tritt und von seinem Leid berichtet - er saß damals in dem Friseursalon. Er und seine Familie hatten damals nur schnell ein paar Hochzeitsgeschenke kaufen wollen.

dpa

Kommentare