Spitzentreffen in Berlin

Mehr Transparenz bei Organspende 

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Der Skandal um fragwürdige Organspenden erschüttert Deutschland.

Berlin - Das Vergabeverfahren bei Organspenden soll angesichts möglicher Tricksereien durch Ärzte und Kliniken überarbeitet werden. Die Auswahl der Empfänger werde künftig effizienter kontrolliert.

Das sagte Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery am Donnerstag nach einem Spitzentreffen in Berlin. Dazu solle unter anderem das Mehraugenprinzip mit einer unabhängigen Prüfung verbindlich werden.

An dem umstrittenen beschleunigten Verfahren bei der Organvergabe solle festgehalten werden. Es müsse aber einer kritischen Analyse unterzogen werden, sagte der Ärztepräsident. Dieses Verfahren soll eigentlich nur für Organe älterer oder kranker Spender angewendet werden, für die es nur wenige geeignete Empfänger gibt. Es räumt Kliniken jedoch auch die Möglichkeit ein, Herz, Niere oder Leber abseits der Reihenfolge auf den Wartelisten zu vergeben.

Im Zweifel soll die Approbation entzogen werden

Zudem sollten bei “nachgewiesenem schweren ärztlichen Fehlverhalten“ die zuständigen Institutionen “das Ruhen oder den Entzug der Approbation“ anordnen, sagte Montgomery. Angestrebt wird darüber hinaus, verdachtsunabhängige Kontrollen einzuführen. Dafür müssten allerdings zusätzliches Geld und mehr Personal zur Verfügung gestellt werden, sagte er.

Zur umfassenden Aufklärung der Vorgänge in den Transplantationszentren Göttingen und Regensburg würden ferner zwei Sonderprüfer eingesetzt. Diese sollen auch die Arbeit von Staatsanwaltschaft und Polizei unterstützen. Ein Oberarzt, der an den Universitätskliniken beider Städte gearbeitet hat, soll Krankenakten manipuliert haben, um Patienten auf der Warteliste für Spenderorgane ganz vorn zu platzieren.

Spendebereitschaft gefährdet

Wenige Monate vor dem Start der große angelegten Werbe-Aktion für mehr Organspenden führt der Transplantationsskandal laut einer Umfrage zu einem Einbruch der Spendebereitschaft. Fast jeder zweite Bundesbürger (45 Prozent) hat Bedenken, sich als Organspender zur Verfügung zu stellen. 42 Prozent teilen die Bedenken nicht, wie aus der Umfrage des Meinungsforschungsinstituts YouGov im Auftrag der Nachrichtenagentur dpa hervorgeht. 36 Prozent haben derzeit nicht vor, ihre Bereitschaft zur Organspende zu bekunden. Nur noch 30 Prozent haben dies vor.

In Befragungen anderer Institute vor wenigen Monaten hatten rund zwei Drittel angegeben, dass sie sich prinzipiell vorstellen könnten, ein Organ zu spenden. Nur rund ein Fünftel (21 Prozent) wollte laut einer Forsa-Umfrage vom März keine Organentnahme nach dem Tod.

Die jüngsten Ankündigungen von Ärzten, Krankenkassen und Kliniken zielen darauf ab, Vertrauen wiederzugewinnen. In Göttingen und Regensburg wurden Patientendaten manipuliert. Nach Bekanntwerden des Falls entbrannte eine Debatte über die Organvergabe. Nun sollen Kontrollen und Transparenz Manipulationen verhindern.

In der dpa-Umfrage geben 14 Prozent an, bereits einen Ausweis zur Organspende zu haben. Jeder fünfte weiß noch nicht, ob er sich bereiterklärt, oder macht keine Angaben. Die Krankenkassen wollen ab Herbst Millionen von Briefen verschicken - die Aktion zielt darauf ab, die Spendebereitschaft deutlich zu erhöhen. Sie geht auf die Organspendereform zurück, die im Mai im Bundestag beschlossen wurde.

Die Grünen-Gesundheitsexpertin Elisabeth Scharfenberg erwartet keine schnellen Erfolge für die Werbungsaktion. “Die, die noch unentschlossen sind, werden zurückhaltend reagieren“, sagte sie der dpa. “Die Entscheidungslösung sollte mit der Brechstange durchgesetzt werden“, kritisierte sie. “Besser wäre es gewesen, wenn wir uns vorher gründlich die Strukturen angeschaut hätten.“

Vor dem Hintergrund der bekanntgewordenen Unregelmäßigkeiten glauben 69 Prozent der Bundesbürger der Umfrage zufolge, dass man in Deutschland mit viel Geld ein Spenderorgan wie Leber, Niere, Lunge oder Herz legal kaufen kann oder dies schneller bekommt. 19 Prozent glauben das nicht. 46 Prozent meinen, dass potenzielle Spender Nachteile haben könnten, weil Organe zu früh entnommen werden - 37 Prozent glauben dies nicht.

dapd/dpa

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