Neurologe: Timoschenko nicht verhandlungsfähig

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Die inhaftierte ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko

Kiew - Unmittelbar vor Beginn eines neuen Prozesses hat die inhaftierte ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko ihre Teilnahme aus gesundheitlichen Gründen verweigert.

Auch nach Einschätzung des Neurologen der Berliner Charité, Lutz Harms, ist die ukrainische Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko nicht verhandlungsfähig. Ihre Schmerzen aufgrund des Bandscheibenvorfalls müssten mit Medikamenten betäubt werden, sagte Harms am Montag “Morgenpost online“. Harms war bereits zweimal in dem ukrainischen Krankenhaus Charkow, um Timoschenko zu behandeln. Der Neurologe bekräftigte die Diagnose des Charité-Chefs Karl Max Einhäupl, der Timoschenko am Sonntag erneut in der Ukraine untersucht und für verhandlungsunfähig erklärt hat.

Unter Berufung auf dieses Gutachten weigerte sich Timoschenko, am Montag an der Eröffnung eines zweiten Prozesses gegen sie teilzunehmen. Der Staatsanwalt forderte daraufhin, die Angeklagte müsse sich von einem Amtsarzt untersuchen lassen.

Harms sagte zu Timoschenkos Gesundheitszustand: “Sie war nicht fähig, längere Zeit auf einem Stuhl zu sitzen. Auch der sitzende Transport in den Gerichtssaal wäre ein Problem“, sagte der Arzt. “Dazu kommt der Stress, den das Ganze auslöst. Belastungen wie diese sind bei einem chronischen Schmerzsyndrom kontraproduktiv.“ Der Neurologe empfahl, die Oppositionsführerin nach Kiew zu überweisen. “Noch besser wäre es, sie unter Hausarrest zu stellen.“

Lange Haftstrafe: Julia Timoschenko im Porträt

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Der Prozess wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung sollte um 9 Uhr MESZ beginnen. Einhäupl hatte die 51-Jährige am Vortag in einer Klinik in der Stadt Charkow untersucht und von einem Transport abgeraten.Wegen der Vorwürfe aus ihrer Zeit als Chefin eines Energiekonzerns in den 1990er Jahren drohen Timoschenko zwölf weitere Jahre Haft.

Anklage fordert Amtsarzt-Untersuchung

Die Anklage forderte die Untersuchung durch einen Amtsarzt. Damit solle geklärt werden, an welcher Krankheit die Oppositionsführerin leidet und ob sie an dem umstrittenen Verfahren wegen Steuerhinterziehung und Veruntreuung teilnehmen könne. Das sagte Staatsanwalt Viktor Lobatsch am Montag Medien zufolge im Gerichtssaal in der Stadt Charkow.

Der Anführerin der prowestlichen Orangenen Revolution von 2004 drohen zwölf weitere Jahre Haft, weil sie in ihrer Zeit als Chefin eines Energiekonzerns in den 1990er Jahren 681 000 Griwna Steuern (heute rund 68.000 Euro) nicht gezahlt haben soll. Zudem habe sie dem Staat einen Schaden von 30 Millionen Griwna zugefügt.

Timoschenko war im Oktober 2011 in einem international kritisierten Verfahren wegen Amtsmissbrauchs zu sieben Jahren Straflager verurteilt worden. Der Fall überschattet auch die Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine. Als Vertreter des EU-Parlaments beobachteten der polnische Ex-Staatschef Aleksander Kwasniewski und der irische frühere EU-Parlamentspräsident Pat Cox den Prozess.

dpa

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