Seine Ankläger hoffen weiter

Cosby feiert nach ergebnislosem Missbrauchs-Prozess

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Bill Cosby ist ein freier Mann - vorerst.

Weil sich die Geschworenen nicht auf ein Urteil einigen konnten, verließ der wegen Missbrauchs angeklagte Bill Cosby den Gerichtssaal als freier Mann. Für den US-Fernsehstar ist es jedoch nur ein Etappensieg.

Washington - Für Lise-Lotte Lublin war der Ausgang des Cosby-Prozesses ein Schlag ins Gesicht. Sie habe geweint, sagte die 50-jährige Lehrerin aus Las Vegas in einem Interview, als sie von der Einstellung des Verfahrens gehört habe. Solche Verfahren seien der Grund dafür, so Lublin, dass sexuell missbrauchte Frauen oft nicht reden würden: "Dies ist ein Serien-Vergewaltiger, und zwei Frauen haben im Gerichtssaal gegen ihn ausgesagt. Was muss ein Opfer denn tun, um glaubwürdig zu sein?" 

Die Lehrerin gehört zu jenen 60 Frauen, die mittlerweile angeben, von dem Entertainer-Superstar sexuell belästigt worden zu sein. 2014 hatte sie den Schauspieler wegen des von ihr berichteten Vorfalls in der Elvis-Suite des Las Vegas "Hilton" bei der Polizei angezeigt - und dann hören müssen, dass sie zu spät kam: Im Bundesstaat Nevada gilt eine nur vierjährige Verjährungsfrist.

Opfer hoffen auf neuen Prozess

Nun hoffen Lublin wie Dutzende andere mutmaßliche Opfer auf den erneuten Prozess, den die Staatsanwaltschaft am Samstag unmittelbar nach dem Richterspruch des ergebnislosen Verfahrens angekündigt hatte. Die Geschworenen hatten mehr als 52 Stunden über das Schicksal des 79-Jährigen beraten. Aber die Zwölferrunde konnte sich nicht darauf einigen, ob Cosby der Universitätsangestellten Andrea Constant im Jahr 2004 in seinem Haus Drogen verabreicht und sie dann belästigt hatte. 

Der Angeklagte befindet sich gegen eine Kaution von einer Million US-Dollar derzeit weiter auf freiem Fuß, nachdem er mit seinem Anwalt - der als Siegeszeichen immer wieder die Faust in die Höhe reckte - den Gerichtssaal verlassen hatte. 

Cosbys Frau mit Rundumschlag

Seine Ehefrau Camille, mit der Cosby 53 Jahre lang verheiratet ist, ließ anschließend eine Erklärung verlesen, in der sie massiv die Staatsanwaltschaft, den Richter, die Rechtsanwälte der beiden Kronzeugen und auch die Medien attackierte. Die Anklage habe "heimtückisch" agiert, so Camille Cosby in ihrem Statement, das von Rechtsexperten später als nicht gerade klug bezeichnet wurde. Denn Richter Steven O‘Neill wird auch den zweiten Prozess leiten, der nun innerhalb von 120 Tagen starten soll. 

Cosby selbst, der offenbar unter Sehschwierigkeiten leidet und beim Verlassen des Gerichts geführt werden mußte, äußerte sich nach dem Ende des Verfahrens nicht.

Cosby-Anwälte sprechen von „einvernehmlichem Sex“

O‘Neill erinnerte in seiner Abschlusserklärung alle Verfahrensbeteiligten daran, dass ein ergebnisloser Prozess weder eine Freisprechung noch ein Sieg für einen der Beteiligten sei. Doch das Cosby-Team feierte den Ausgang als Erfolg - und auch als Bestätigung der Taktik, den Komödianten nicht aussagen zu lassen. Stattdessen argumentierten die Cosby-Anwälte, der Angeklagte und die Zeugin hätten eine "einvernehmliche" sexuelle Begegnung miteinander gehabt. Dass der Schauspieler damit seiner Frau untreu geworden sei, stelle aber kein Verbrechen dar.

Cosbys Ruf ist ruiniert

Cosby, dessen Reputation als fürsorglicher und hochmoralischer Famlienvater Dr. Cliff Huxtable in der legendären "Cosby Show" längst ruiniert ist, hatte in einem 2015 enthüllten Vernehmungsprotokoll eingeräumt, in den siebziger Jahren auf Rezept das heute verbotene starke Beruhigungsmittel "Quaaludes" erhalten zu haben, das er dann Frauen angeboten habe, mit denen er Sex haben wollte. 

Eine große Bedeutung für den Verfahrensausgang dürfte die Tatsache gespielt haben, dass der Richter neben dem mutmaßlichen Opfer nur einer einzigen weiteren Zeugin die Aussage erlaubte. Der Antrag der Anklage, zwölf weitere angeblich von Cosby sexuell missbrauchte Frauen in den Zeugenstand zu rufen, um so ein Verhaltensmuster des Schauspieler nachzuweisen, hatte der Richter zurückgewiesen. 

Die große Frage lautet nun: Wie viele von ihnen werden im zweiten Prozess aussagen dürfen?

Friedemann Diederichs/SnackTV

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