Weiter Verluste für Klinikum Werra-Meißner - 2019 droht Defizit von 2,3 Millionen Euro

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Zurzeit in finanzieller Schieflage: Das Klinikum Werra-Meißer verzeichnete 2017, 2018 und voraussichtlich 2019 Verluste. Derzeit ist das Klinikum mit Standorten in Eschwege (Foto) und Witzenhausen Arbeitgeber von 535 Vollzeitkräften. 

Das Klinikum Werra-Meißner ist weiterhin einer sehr angespannten wirtschaftlichen Situation ausgesetzt. Das berichtete die Geschäftsführerin Dr. Claudia Fremder. 

Eschwege. Das Klinikum Werra-Meißner ist weiterhin einer sehr angespannten wirtschaftlichen Situation ausgesetzt. Das berichtete die Geschäftsführerin Dr. Claudia Fremder den Mitgliedern des Finanz- und des Gesundheitsausschusses. Nach einem Fehlbetrag von rund einer Million Euro im Jahr 2018 könnte sich das Minus in diesem Jahr auf rund 2,3 Millionen Euro summieren. 

Kreistag wird voraussichtlich Bürgschaft erhöhen - Defizit für 2019 bei 2,3 Millionen Euro 

Das Haushaltsdefizit wird durch Gewinne gedeckt, die in der Vergangenheit erwirtschaftet wurden. Trotzdem wird der Kreistag in seiner nächsten Sitzung darüber entscheiden, die Bürgschaft zu erhöhen, um den Liquiditätsbedarf zu sichern. Das Gesamtergebnis sieht zum Halbjahr 2019 bereits einen Fehlbetrag von 1,5 Millionen Euro vor, der nach Angaben von Verwaltungsdirektor Michael Rimbach bis Jahresende auf 2,3 Millionen Euro ansteigen könnte. 

Arztstellen konnten nicht besetzt werden

Als Gründe machten Fremder und Rimbach die angespannte Situation auf dem Arbeitsmarkt aus. In der Vergangenheit hatte das Klinikum Probleme, Ärztestellen adäquat zu besetzen. „Machen wir uns nichts vor: Für Ärzte ist es nicht attraktiv, im ländlichen Raum zu arbeiten“, sagt Fremder. Das führte dazu, dass einige Abteilungen Verluste eingefahren haben. Orthopädie und Unfallchirurgie hatten beispielsweise einen Erlösrückgang von 2,5 Millionen Euro. In der Psychiatrie gab es durch den Ärztemangel 1200 Belegungstage weniger. 

Externe Personalkosten explodiert 

Insgesamt steigen die externen Personalkosten im Vergleich zum Vorjahr um fast eine Million Euro. Außerdem sinken die stationären Fallzahlen seit 2017 deutschlandweit. Besonders betroffen: Krankenhäuser mit weniger als 600 Betten. „Die wirtschaftliche Situation des Klinikums ist nicht so dramatisch wie im Jahr 2008“, sagte Landrat Stefan Reuß am Montagmittag. Damals war das Unternehmen in erhebliche wirtschaftliche Schieflage geraten und nur durch ein Bündel an Maßnahmen vor der Insolvenz gerettet worden. Unter anderem hatten die Mitarbeiter einem Zukunftssicherungstarifvertrags zugestimmt. Von 2013 bis 2016 erwirtschaftete das Klinikum 4,3 Millionen Euro Gewinn. Fremder machte ebenfalls Hoffnung: Das Fachkräfteproblem wurde angegangen. Damit erholten sich auch die einzelnen Abteilung

Die Bürgschaft 

Der Werra-Meißner-Kreis und die Stadt Witzenhausen bürgen als Gesellschafter für die Liquidität des Klinikums Werra-Meißner – bislang mit 3,5 Millionen Euro. Der Kreistag entscheidet am Montag, ob die Bürgschaft auf sechs Millionen Euro erhöht wird. Die Bürgschaft für das Klinikum besteht seit 2008 und lag damals bei 6,9 Millionen Euro. 

Begründung:  Chefärzte wechseln zu häufig  

Anhand von drei Abteilungen machte der Verwaltungsdirektor des Klinikums Werra-Meißner, Michael Rimbach, das Dilemma klar. Gynäkologie/Geburtshilfe, Orthopädie/Unfallchirurgie und die Psychiatrie sind die Sorgenkinder des vergangenen Jahres. Allen drei gemein ist ein Chefarztproblem in der Vergangenheit.

Orthopädie/ Unfallchirurgie, Gynäkologie und Psychiatrie wieder gut besetzt  

Seit rund einem Jahr leitet Dr. Axel Blasi die Orthopädie/Unfallchirurgie. Vorher war die Chefarztposition lange Zeit vakant. „Jetzt entwickelt sich die Abteilung besser als erwartet“, sagt Dr. Fremder. Gleiches gilt für die Gynäkologie, wo der Chefarzt zweimal getauscht wurde, bevor Dr. Armin Fischer die Leitung übernahm. In der Psychiatrie ist das Problem noch eklatanter. Weil der Arbeitsmarkt nichts hergab, hat die Klinikleitung den längst ausgeschiedenen Dr. Martin von Hagen reaktiviert. Für den erfahrenen Mediziner im Rentenalter zeichnet sich jetzt eine Nachfolgelösung ab. Und auch weitere Ärzte für die Psychiatrie werden bis 2021 hinzugewonnen. „Ziel ist der Wiederaufbau von stationären Leistungen“, sagt Fremder. Die Abteilung soll außerdem wieder stärker getrennt werden. Sucht, Psychotherapie und Gerontopsychiatrie werden auseinanderdividiert. Die Gerontopsychiatrie könnte sogar nach Witzenhausen verlegt werden.

Maßnahmen: Sachkosten senken 

Zu den Sicherungsmaßnahmen gehört es für die Klinikleitung auch, Sachkosten zu senken. Bei neuer Auftragsvergabe von Wäsche, Druck/Kopien und dem Softwarepflegevertrag werden kurzfristig 180 000 Euro eingespart.

Sowohl Dr. Fremder als auch Landrat Stefan Reuß richteten lobende Worte an die „engagierten und motivierten Mitarbeiter“, die in der Vergangenheit sehr zum Fortbestand des Klinikums beigetragen hätten.

KOMMENTAR zur wirtschaftlichen Schieflage des Klinikums Werra-Meißner von Tobias Stück 

Mitglieder der beiden Ausschüsse Gesundheit und Finanzen wirkten gestern Mittag relativ entspannt, nachdem Dr. Claudia Fremder und Michael Rimbach die Situation des Klinikums dargelegt hatten. Das lag sicher daran, dass größtenteils erfahrene Kommunalpolitiker anwesend waren, die mit dem Klinikum Werra-Meißner schon schlimmere Situationen durchlebt haben. Ein anderer Grund ist aber, dass Fremder und Rimbach schlüssige Erklärungen lieferten, wie es zu der Schieflage gekommen ist und welche Gegenmaßnahmen sie ergreifen. Der Ärztemangel an entscheidenden Positionen ist sicherlich das größte Problem. In den vergangenen drei Jahren haben die Chefärzte in fast allen Abteilungen gewechselt – teilweise mehrfach. Das schafft weder Vertrauen bei den Patienten noch bei den einweisenden Hausärzten. Vor allem spiegelt es sich in den wirtschaftlichen Ergebnissen der einzelnen Abteilungen wider. Mit der Besetzung der strategisch wichtigen Personen sollte jetzt wieder Ruhe einkehren und Vertrauen zurückerobert werden. Zusätzlich wurden klassische Sparmaßnahmen beschlossen. Eine Sorge bleibt aber: Der allgemeine Trend der sinkenden Fallzahlen und Patienten, die sich lieber in großen Zentren behandeln lassen möchten. Das ist kein kreisspezifisches Problem, sondern ein deutschlandweites. Dieser Entwicklung kann man nicht so einfach von Eschwege oder Witzenhausen aus entgegensteuern. Deswegen sollte man dem heimischen Klinikum sein Vertrauen schenken. Der Aufschrei wird ungleich größer sein, wenn es kein Krankenhaus mehr vor Ort gibt. 

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