Einen Tag später erste Kontakte

30 Jahre Grenzöffnung: Städtepartnerschaft zwischen Eschwege und Mühlhausen

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Ein Tag der Freude: Am 22. Dezember 1989 unterzeichneten die Bürgermeister Jürgen Zick (links, Eschwege) und Klaus Neukirch (Mühlhausen) die Urkunden. Es war die erste Städtepartnerschaft nach der Grenzöffnung

Vor 30 Jahren wurde die Grenze zwischen Ost- und West-Deutschland geöffnet. Wir blicken zurück und sprechen mit Zeitzeugen über die bewegenden Tage im Herbst 1989.

Wie war das? Am 9. November vor 30 Jahren öffneten die DDR-Behörden die Grenze – auch im Werra-Meißner-Kreis. Tausende von Thüringern genossen die neue Freiheit, besuchten Eschwege und die Gemeinden des Kreises. Einen Tag später, am 10. November, dann ein besonderer Tag für die SPD-Fraktion des Eschweger Stadtparlamentes. Denn die Eschweger Politiker erfüllten sich einen lang gehegten Wunsch, fuhren nach Mühlhausen und legten mit ihrer Initiative den Grundstein zur Partnerschaft mit der Thomas-Müntzer-Stadt. Durch diesen ersten Vertrag zwischen zwei deutschen Kommunen aus Ost und West nach der Grenzöffnung im Dezember 1989 haben die Partnerstädte Geschichte geschrieben.

Planung oder reiner Zufall?

War es Planung oder reiner Zufall? Wohl ein wenig von beidem. Einen Tag nach der Grenzöffnung reisten die Eschweger SPD-Politiker unter Führung von Bürgermeister Jürgen Zick, Stadtverordnetenvorsteher Heinz Bührig und SPD-Fraktionschef Hans-Walter Eisenhuth mit gemischten Gefühlen per Bus über den Grenzübergang Herleshausen nach Mühlhausen. Im Gespräch mit der Werra-Rundschau erinnerten sich die drei Politiker an diese Fahrt und die ersten Kontakte mit den Mühlhäusern:

Keine der mitreisenden 30 Eschweger Politiker ahnte damals, wie sich an dem Tag nach der Grenzöffnung und nach der Nachricht des Berliner SED-Bezirkssekretärs Günter Schabowski („Das trifft nach meiner Kenntnis, ist das sofort, unverzüglich...“) die höhere Diplomatie zwischen den beiden deutschen Staaten entwickelt. Die Eschweger wollten einfach auf lokaler Ebene versuchen, die Grenze einen weiteren Spalt zu öffnen.

Heinz Bührigs Idee

Zeitzeugen erinnern sich: Jürgen Zick (links) und Heinz Bührig blättern in den Unterlagen.

Die SPD-Fraktion hatte eine Fahrt in die thüringische Nachbarschaft schon lange auf dem Programm. In den 1970er-Jahren stellte der damalige Bürgermeister Rudolph einen Antrag zur Einreise. Der wurde zwar genehmigt, eine Abordnung des gesamten Stadtparlamentes aber nicht wie gewünscht nach Mühlhausen, sondern nach Heiligenstadt geleitet. Kontakte mit Behörden kamen aber nicht zustande.

Ein neuer Anlauf: Als die SPD-Fraktion Ende der 1980er-Jahre wieder einmal über eine Jahresfahrt beriet, griff Heinz Bührig, heute 91 Jahre alt, die Idee auf: „Lasst uns doch einmal nach Mühlhausen fahren!“. Gesagt, getan. Der Antrag lief über die Kontaktstelle VBW Bad Hersfeld. Erste Kontakte knüpfte der Mühlhäuser Dr. Günther, der vorher in Eschwege weilte. Auch Werner Bittner bemühte sich, jedenfalls kam bald das Ja der Behörden, die SPD-Fraktion konnte fahren.

Empfang

Der Empfang im Rathaus Mühlhausen an diesem Freitagmorgen war herzlich, der folgende Meinungsaustausch zunächst etwas „abtastend“, wurde mit fortschreitender Zeit aber immer herzlicher. Stadtverordneter Karl „Charly“ Montag zeichnete das Treffen per Videokamera auf.

Städtepartnerschaft

Man kam ohne lange Vorreden zur Sache. Sowohl Bürgermeister Jürgen Zick als auch Gastgeber Klaus Neukirch betonten, an engeren Kontakten und einer Partnerschaft interessiert zu sein. Wobei Neukirch erklärte, „dass die Stadt Mühlhausen selbst entschieden hat, mit welcher Stadt in Hessen sie eine Partnerschaft eingehen wolle“. Es standen noch drei andere Bewerber für eine Partnerschaft zur Wahl, wegen der räumlichen Nähe habe man sich aber für Eschwege entschieden.

Bei den überraschten Eschwegern rannte Neukirch mit seinem Vorschlag offene Türen ein. Jürgen Zick: „Wir fallen von einer Überraschung in die andere“. Der Eschweger Bürgermeister erinnerte an historische Gemeinsamkeiten und betonte, „dass Mühlhausen seit Langem unsere Wunschstadt in Sachen Partnerschaft ist“ und „wir eine Partnerschaft auch gern mit Leben erfüllen wollen“. Das weitere Vorgehen war schnell abgesprochen. Mit Gastgeschenken unterstrichen die beiden Delegationen die neu geknüpften Kontakte, ein erster Stadtrundgang schloss sich an.

Schon am nächsten Tag informierte Bürgermeister Jürgen Zick die Chefs der vier im Eschweger Parlament vertretenen Parteien SPD, CDU, FDP und Grüne über die Ergebnisse der Gespräche. Auch der Magistrat befasste sich damit, um die angestrebte Partnerschaft schnell Wirklichkeit werden zu lassen. Schon am 21. Dezember gaben die Eschweger Stadtverordneten ihr einstimmiges Ja zur Partnerschaft.

Unterzeichnung

Einen Tag später unterzeichneten die Bürgermeister Neukirch und Zick in einer Festveranstaltung im Mühlhäuser Rathaus die Urkunden der ersten deutsch-deutschen Partnerschaft auf kommunaler Ebene nach Öffnung der Grenze. Beide Städte leisteten mit diesem Vertrag Pionierarbeit. Klaus Neukirch forderte die beiden Parlamente auf, die Partnerschaft mit Leben zu erfüllen, um ein soziales und wirtschaftliches Netz zwischen beiden Städten zu knüpfen. Für Jürgen Zick war die Vertragsunterzeichnung „ein beglückender Moment“. Beide Städte vereine die Hoffnung, dass Kultur- und Wirtschaftsräume wieder zusammenwachsen. „Dazu reichen wir der Thomas-Müntzer-Stadt die Hand zu einer langen Freundschaft!“.

Erste Kontaktaufnahme: (von links) Heinz-Walter Eisenhuth, Heinz Bührig, Jürgen Zick und Klaus Neukirch. Foto: Karl Montag

Heute

In den 30 Jahren hat sich die Partnerschaft zwischen Mühlhausen und Eschwege gut entwickelt. Auf wirtschaftlichem Gebiet, Sportvereine und Feuerwehren pflegen Kontakte, ebenso der Eschweger Städtepartnerschaftsverein. Am 10. und 20. Jahrestag der Partnerschaft gab es Feiern. Am 22. November 2014 unterzeichneten die Amtsnachfolger Oberbürgermeister Dr. Johannes Bruns und Alexander Heppe in einem Festakt zum 25. Jahrestag der Freundschaft im historischen Mühlhäuser Rathaussaal eine Erneuerungsurkunde der Städtepartnerschaft. Alle Redner betonten den Willen, die Partnerschaft auszubauen und zu festigen.

Festakt am Freitag in Mühlhausen

30 Jahre Grenzöffnung bedeutet auch 30 Jahre Städtepartnerschaft zwischen Eschwege und Mühlhausen. Diese erste Städtepartnerschaft zwischen zwei deutschen Kommunen aus Ost und West nach der Grenzöffnung wird am Freitag, 8. November, in Mühlhausen gefeiert. Eine Eschweger Delegation reist dazu mit dem Bus nach Thüringen. Um 18 Uhr gibt es einen ökumenischen Gottesdienst in der St.-Josefs-Kirche in Mühlhausen. Um 19 Uhr werden in beiden Städten die Glocken der Kirchen läuten. Der gemeinsame Festakt in der Mühlhäuser Rathaushalle beginnt um 19.30 Uhr.

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