Anschlag auf Moschee: Mindesten 50 Todesopfer 

Nach Attentat in Christchurch: Eschweger erzählt, wie geschockt seine Wahlheimat Neuseeland ist

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Trägt Kopfbedeckung bei einem Besuch einer Flüchtlingsunterkunft: Neuseeland Premierministerin Jacinda Ardern (Mitte) spricht mit einer Vertreterin des Flüchtlingszentrums in Christchurch. 

Neuseeland steht nach dem Attentat mit mindestens 50 Toten in zwei Moscheen unter Schock. Sebastian Dölle aus Eschwege lebt seit 15 Jahren dort. Hier erzählt er, was der Terror mit dem Land macht.

Im gesamten Land wurde am Wochenende mit der muslimischen Gemeinde von Christchurch getrauert. Der gebürtige Eschweger lebt seit 2004 in Neuseeland und arbeitet als Wirtschaftsberater für das neuseeländische Finanzministerium in Wellington. Seit vergangenem Jahr besitzt er die doppelte Staatsbürgerschaft.

Neuseeland sei für seine kulturelle Vielfalt bekannt, und die Einwohner, die Kiwis, seien sehr stolz auf diese Vielfalt, schilderte er unserer Zeitung am Telefon. „Umso schockierter sind wir von den jüngsten Ereignissen. Das ganze Land steht auch Tage danach noch unter Schock.“ Nach der abscheulichen Tat habe die Regierung – insbesondere die Premierministerin Jacinda Ardern – deutlich gemacht, dass die Unterstützung für diese Vielfalt ungebrochen sei, sagt Dölle. 

Christchurch ist eine weltoffene Stadt

In Neuseeland gibt es über 213 Ethnien und religiöse Minderheiten. „Gerade Christchurch ist eine weltoffene Stadt mit sehr vielen internationalen Studenten und zahlreichen Einwanderern, die die Stadt attraktiv machen.“ Bei einer Bevölkerung von knapp 5 Millionen Einwohnern sind Muslime mit 50.000 Glaubensangehörigen eine relativ kleine Minderheit in Neuseeland, die seiner Ansicht nach sehr gut in die Gesellschaft integriert seien. Und gerade deshalb sei der Angriff so überraschend gewesen. Bis dato habe es noch keine terroristischen Angriffe in einem solchen Ausmaß auf religiöse Einrichtungen gegeben, berichtet Dölle. 

Im ganzen Land finden Trauer und Gedenkveranstaltungen statt, die von Zehntausenden besucht werden. „Kleine und große Gesten drücken die Trauer und das Mitgefühl mit den Opfern und Angehörigen aus.“ Christchurch und das gesamte Land – ähnlich wie nach dem Erdbeben im Jahr 2011 – rücken näher zusammen.

Beziehungen zu Australien sind stabil

Sein persönlicher Eindruck sei nicht, dass Neuseeland in jüngster Zeit nach rechts gerückt sei, sagt er. Anders als Australien: Das Nachbarland verfolgt seit Jahren eine harte Abschreckungsstrategie. 2016 wurde bekannt, dass Australien auf dem Meer abgefangene Flüchtlinge weit entfernt von australischem Territorium auf den Inseln Nauru und Manus unterbringt. Bei den letzten Parlamentswahlen gewann die nationalistische Partei „One Nation“ erstmals im Senat mit 4,29 Prozent der Stimmen vier von 76 Sitzen.

„Die Beziehungen zu Australien sind stabil, auch mit Hinblick auf die unterschiedlichen Regierungsbildungen“, sagt Dölle. Aber auch hier gäbe es Reaktionen australischer Politiker, die abscheulich seien, berichtet Dölle. 

Der australische Senator Fraser Anning sagte: „Die wahre Ursache für das Blutvergießen in Neuseeland ist das Einwanderungsprogramm, das es muslimischen Fanatikern ermöglichte, überhaupt nach Neuseeland zu wandern.“

Ardern habe den muslimischen Mitbürgern hingegen versichert, dass sie ein fester Bestandteil Neuseelands seien, sagt Dölle. Die Regierung werte diesen Angriff als Angriff auf das friedlichen Miteinander. Mit Blick auf die positiven Touristenzahlen in den letzten Jahren habe das Land deutlich an Profil gewonnen, was sich nach dem Massaker hoffentlich nicht negativ auf diesen Trend auswirke, so Dölle.

Von Linett Hanert

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