Bewohner werden in Heimen nur noch selten fixiert

Altenpflege verzichtet bei Senioren auf Fesseln und Gurte

Bettgitter: Altenpflegerin Silvia Henkel verzichtet darauf, dass Gitter am Bett von Margarete Huberty hochzuklappen. Die Rentnerin ist auch während der Nacht nicht in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Fotos: Sagawe

Eschwege. Alte Menschen werden in der stationären Pflege kaum noch fixiert. Wo früher Handfesseln und Bauchgurte angelegt wurden, um die Senioren vor Verletzungen zu schützen, greifen die meisten Einrichtungen heute zu alternativen Methoden, um Stürze zu verhindern oder so stark abzumildern, dass die möglichen Verletzungen vertretbar sind.

Wenn Margarete Huberty sich zur Nachtruhe legt, wird das Niederflurbett knapp über Bodenhöhe heruntergefahren. Eine Matte davor dämpft einen möglichen Sturz der Rentnerin soweit, dass ernsthafte Verletzungen nahezu ausgeschlossen sind. Auf das sonst erforderliche Bettgitter kann verzichtet werden. Margarete Huberty lebt im Seniorenwohnheim der Arbeiterwohlfahrt (AWO) in Eschwege. Auf „freiheitsentziehende Maßnahmen“ – so werden Fixierungen und andere Schutzvorrichtungen im Juristendeutsch genannt – verzichtet die Einrichtung weitgehend.

Von den 124 Bewohnern in dem AWO-Heim werden nach Angaben von Pflegedienstleiterin Marion Hussmann zur Zeit lediglich zwei in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Sie tragen im Rollstuhl Bauchsitzgurte. Voraussetzung dafür sind die medizinische Indikation und eine richterliche Anordnung. „Wegen unserer historischen Erfahrungen gehen deutsche Gerichte damit sehr sensibel um, einige genehmigen Fixierungen nie“, erklärt der Eschweger Richter Dr. Klaus Seubert. Im Werra-Meißner-Kreis wird seit annährend zwei Jahren der unter „Werdenfelser Weg“ bekannt gewordene verfahrensrechtliche Ansatz angewendet, der das Ziel verfolgt, Fixierungen und andere freiheitsentziehenden Maßnahmen auf ein unumgängliches Minimum zu reduzieren.

„Wir wollen einen Bewusstseinswandel bei den Heimleitungen erwirken“, sagt Dr. Seubert. In der Eschweger AWO-Einrichtung ist dieses neue Bewusstsein längst gängige Praxis. Und die Erfahrungen seien überaus positiv, erklärt Pflegedienstleiterin Marion Hussmann.

Obwohl von den 124 Bewohnern 70 sturzgefährdet und nur zwei im Rollstuhl angegurtet sind, wurden im vergangenen Jahr lediglich 59 Stürze mit überwiegend leichten Verletzungen wie Prellungen registriert. Zwei Bewohner erlitten Nasenfrakturen, vier schwere Brüche. Nach Einschätzung von Hussmann ist dies eine niedrige Verletzungszahl.

Die Einrichtung setzt auf Schutz, der die Bewegungsfreiheit nicht einschränkt: Protektorhosen, Stoppersocken, Rollatoren, Kopfschutz, Kniepolster und Niederflurbetten mit Sturzmatten davor. Im hessischen Gesetz über die Heimaufsicht sind Überwachung und Kontrolle der freiheitsentziehenden Maßnahmen geregelt. „Perspektivisch“, so Dr. Seubert, „soll das auf die ambulante Pflege ausgeweitet werden.“

Von Harald Sagawe

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