Behindertenbeauftragte  erklärt

Behinderte erleben durch Corona-Sanktionen neue Hürden im Alltag

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Nur so viele Kunden wie Einkaufswagen dürfen derzeit in viele Läden. Doch manche Menschen können keinen Wagen nehmen – etwa, weil sie im Rollstuhl sitzen oder an Gehhilfen laufen. Sie brauchen mehr Hilfe und Rücksichtnahme, wie uns ein Leser aus Bad Sooden-Allendorf jüngst berichtete.

Die Einschränkungen in der Corona-Pandemie stellen Menschen mit geistigem oder körperlichem Handicap vor größere Hürden als sonst. Die Behindertenbeauftragte erklärt die Probleme.

Mit Susanne Schäfer, der Behindertenbeauftragten des Werra-Meißner-Kreises, sprachen wir über die neuen Herausfoderungen.

Der Einkauf

Die meisten Läden steuern derzeit die zulässige Personenzahl über eine begrenzte Zahl an Einkaufswagen oder -körben. Menschen im Rollstuhl, mit Rollator oder anderen Gehhilfen können diese Auflagen aber nicht erfüllen, so Schäfer.

Sie empfiehlt, dass Mitarbeiter Hilfe anbieten – etwa, indem sie auf Bitten des betroffenen Kunden einen Wagen „aus dem Verkehr“ ziehen, bis der Kunde den Laden wieder verlässt. „Ich setze auf die Kundenfreundlichkeit und Flexibilität des Personals“, sagt Schäfer. Das würde bereits oft gut funktionieren, gerade mit Stammkunden seien grundlegende Absprachen möglich.

Die Maskenpflicht

Menschen mit körperlichen oder gesundheitlichen Einschränkungen können sich von der Pflicht, einen Mund-Nasen-Schutz zu tragen, befreien lassen, sagt Schäfer – etwa Blinde und Personen mit schweren Atemwegserkrankungen. Sie könnten das über den Schwerbehindertenausweis nachweisen. „Aus Gründen der Rechtssicherheit würde ich empfehlen, sich vom Arzt ein Attest ausstellen zu lassen.“

Das Lippenlesen

Bei Menschen, die auf Lippenlesen und Gebärdensprache angewiesen sind, besteht eingeschränkt die Möglichkeit, dass Betreuungspersonen oder Assistenzkräfte sich von der Maskenpflicht befreien lassen. „Hier wäre eine individuelle Klärung mit dem Hausarzt sicherlich sinnvoll.“

Der VdK empfiehlt Betroffenen, einen Zettel mitzunehmen mit der Bitte, den Mundschutz unter Wahrung des Abstandes kurzfristig abzunehmen, um das Lippenlesen zu ermöglichen – etwa an der Kasse. Hier sei das Personal ohnehin meist mit Plexiglasabtrennungen geschützt.

Das Busfahren

Aktuell dürfen nur Menschen mit Mund-Nasen-Schutz den öffentlichen Nahverkehr nutzen. Schäfer berichtet von einem Fall, bei dem ein Mann von dieser Pflicht per Attest befreit gewesen sei. Er hatte aber Schwierigkeiten, das im Bus klarzumachen. Hier habe ein klärendes Gespräch geholfen, das Busunternehmen für Ausnahmeregelungen zu sensibilisieren, so Schäfer.

Die Erklärungsnöte

Wer derzeit die Corona bedingten Anforderungen nicht einhalten kann, gerate im Alltag häufiger als andere in Erklärungsnot, so Schäfer. Bisher selbstverständliche Hilfe wie das Aufhalten einer Tür oder das Herabgeben von Produkten aus nicht zugänglichen Regalen sei wegen der Abstandgebote schwieriger geworden oder würden zum Teil nicht mehr angeboten.

Die öffentlichen WCs

In unangenehme Nöte könnten zudem Rollstuhlfahrer und Personen, die auf die Nutzung von Behindertentoiletten angewiesen sind, kommen, sagt Schäfer. Im öffentlichen Raum stünden diese derzeit durch geschlossene Verwaltungen, Gaststätten, Kaufhäuser, Hotels oder Kliniken nicht oder nur eingeschränkt zur Verfügung.

Die psychischen Folgen

Da behinderte Menschen oft an multiplen Erkrankungen leiden, kann die derzeitige Lage zu massiven Ängsten, weitgehender Einschränkung von Sozialkontakten und Isolation führen, sagt Schäfer. Das verstärke sich, wenn die Personen nicht mehr zum Einkaufen oder in die Öffentlichkeit gingen.

Die Schließung von Werkstätten und eingeschränkte Angebote in Wohngruppen führten vor allem bei Menschen mit geistigen Behinderungen zu Unverständnis. Ihnen könne man das Wegbrechen von Tagesstrukturen und Unternehmungen nur schwer vermitteln. „Die Vermeidung körperlicher Nähe dürfte hier besonders problematisch und belastend sein“, sagt Schäfer. Durch das Wegbrechen von Sozialkontakten könnten depressive Phasen gehäufter auftreten.

Die Lösung

„Insgesamt stellt diese Krise alle Menschen vor eine große Aufgabe“, bilanziert Schäfer. Ein gutes Miteinander, gegenseitige Unterstützung und Rücksichtnahme sowie der „gesunden Menschenverstand“ seien besonders gefragt.

Man sollte es ernst nehmen, aber nicht überbewerten, wenn mal die „Nerven blank“ liegen. Schäfer empfiehlt, zur Entlastung die Angebote von Nachbarschaftshilfen zu nutzen.

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