Interview zum Equal Pay Day: Gesellschaft darf Familienarbeit nicht auf Frauen abwälzen

Beide Eltern müssen mit anpacken

Regelmäßige Aktion: Seit zehn Jahren erinnert der Equal Pay Day an die ungleiche Bezahlung von Männern und Frauen. Unser Bild entstand im Vorjahr bei den Veranstaltungen zum Equal Pay Day in Erfurt. Foto: imago/Archiv

Werra-Meißner. Die beruflichen Chancen für Frauen sind immer noch schlechter als die für Männer – darauf weist der Equal Pay Day hin, der am Samstag, 18. März, begangen wird. Wir haben über das Thema mit Thekla Rotermund-Capar und Manuela Zimmermann gesprochen.

Frauen sind besser ausgebildet als Männer, trotzdem verdienen sie weniger. Warum?

Rotermund-Capar: Solange die Familienarbeit Frauenarbeit bleibt und wenig wertgeschätzt wird, wird das so bleiben. Frauen argumentieren oft mit der Familie, warum sie nur in Teilzeit oder Minijobs arbeiten, länger im Beruf aussetzen und einen Karrierestopp hinnehmen. Dabei ist die Care-Arbeit, also die Versorgung von Menschen, das Fundament der Wirtschaft.

Zimmermann: Wenn Frauen Familie und Beruf unter einen Hut bringen wollen, brauchen sie ein sehr gutes soziales Netzwerk, das Aufgaben in der Familie übernimmt. Das hat nicht jede.

Viele Mädchen wählen „typische“, aber schlecht bezahlte Berufe im Sozialwesen oder Einzelhandel. Was muss sich ändern: Die Berufswahl der Frauen – oder die Zahlungsmoral der Arbeitgeber?

Rotermund-Capar: Beides. Für eine Familie sind Mütter und Väter verantwortlich – das müssen auch Chefs lernen. Mädchen fällt es leichter, über weibliche Vorbilder den Weg etwa ins Handwerk zu finden. Bei der Berufswahl spielt für sie das spätere Einkommen keine große Rolle. Es sind oft die Väter, die die Mädchen ermuntern, ihr Berufswahlspektrum zu erweitern. Hier müssten auch Frauen mehr tun.

Zimmermann: Förderung allgemein ist sehr wichtig. In der Beratung im Jobcenter drängen wir aber nicht darauf, dass die Frauen sich einer männerdominierten Branche zuwenden. Eine Beratung ist immer individuell: Wenn sich jemand umorientieren möchte, unterstützen wir das. Aber der Beruf muss auch zu den Fähigkeiten passen.

Hat der „Girls’ Day“, der Mädchen für Männerberufe begeistern soll, versagt?

Rotermund-Capar: Das kommt darauf an, wie gut er in den Schulen vorbereitet wird. Besuchen die Schüler nur jemanden auf der Arbeit? Oder werden sie vorher mit Geschlechter-Vorurteilen konfrontiert, lernen sie Vorbilder kennen, wird der Besuch später reflektiert? Der Girls’ Day kann nur funktionieren, wenn er ernst genommen wird: Mädchen müssen von männerdominierten Branchen gezielt angesprochen und in ihrer Lebenswelt abgeholt werden, die Betriebe müssen sich auf sie vorbereiten.

Noch immer erledigen Frauen den Großteil der Haus- und Erziehungsarbeit. Wie kann man die Männer einbinden?

Rotermund-Capar: Das Elterngeld ist ein erster Schritt, weil hier die Väter mindestens zwei Monate Elternzeit nehmen sollen. Jedoch ist es für sie oft nicht so leicht, in Teilzeit in ihren Beruf zurückzukehren. Der Arbeitgeber muss dahinter stehen, aber die Männer müssen sich beim Chef auch durchsetzen – das müssen Frauen schließlich auch.

Für das Paar ist es wichtig, genau abzusprechen, wer welche Aufgaben übernimmt. Die Mütter sollten auch ihre Söhne an der Hausarbeit beteiligen und ihnen in dieser Hinsicht mehr zutrauen.

Teilzeit- und Mini-Jobs sind für viele ein Muss, weil es im Kreis zu wenig Kita-Plätze und flexible Betreuungsmodelle gibt.

Rotermund-Capar: Der Kreis ist da schon sehr aktiv, die Betreuungsquote ist insgesamt sehr hoch. Die lokalen Bündnisse für Familie sind ebenfalls versucht, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zu verbessern. Aber in einigen Städten und Gemeinden müssen die Kita-Plätze aufgestockt und das Angebot in den Randzeiten verbessert werden. In Zeiten des zunehmenden Fachkräftemangels müssen Eltern, Unternehmen, Politik und Gesellschaft gemeinsam für eine bessere Kinderbetreuung eintreten. Vor allem Alleinerziehende benötigen eine gute Betreuung und flexible Unternehmen.

Laut einer Studie fühlen sich viele Mädchen nicht schlau genug, um sich in Männerberufen zu behaupten. Welche Beobachtung machen Sie?

Zimmermann: Bei den Frauencafés erleben wir oft, dass mangelndes Selbstwertgefühl ein Thema für Frauen ist, besonders beim Wiedereinstieg in den Beruf. Sie sagen: „Ich bin doch nur Hausfrau.“ Dabei stärken sie viele Schlüsselqualitäten in der Familie: Flexibilität, Mobilität, Teamfähigkeit, Belastbarkeit, Organisationstalent ... Diese Eigenschaften werden von Arbeitgebern aber nicht mit Familie in Verbindung gebracht.

Was tun Sie dagegen?

Zimmermann: Der Kompetenzpass Berufsrückkehr, den wir seit einiger Zeit anbieten, kommt bei immer mehr Arbeitgebern gut an. Und wenn man Frauen zeigt, wie viel sie eigentlich können, steigt ihr Selbstbewusstsein. In unserem Netzwerk „Familie und Beruf“ können wir Frauen ganz persönlich fördern und beraten – das ist ein Vorteil. Zu den Personen, Hintergrund

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