Interview mit der Leiterin des Bündnisses der Bürgerstiftungen Deutschlands, Ulrike Reichart

„Bürgerstiftungen wollen der Region etwas zurückgeben“

Warum man als Stifter länger lebt, warum Stiftungen doch nicht die Aufgaben des Staates übernehmen und wie sich die Bürgerstiftung Werra-Meißner in den vergangenen Jahren entwickelt hat:

Gerade haben die Bürgerstiftungen in Deutschland den Deutschen Stifterpreis gewonnen. Die Leiterin des Bündnisses der Bürgerstiftungen Deutschlands, Ulrike Reichart, kommt ursprünglich aus dem Wanfrieder Stadtteil Altenburschla. Warum man als Stifter länger lebt, warum Stiftungen doch nicht die Aufgaben des Staates übernehmen und wie sich die Bürgerstiftung Werra-Meißner in den vergangenen Jahren entwickelt hat, beantwortet sie im Interview.

Warum sollte ich mich in einer Bürgerstiftung engagieren?

Die Motivationen, sich in einer Bürgerstiftung und damit für seine Region zu engagieren, sind so unterschiedlich wie die Menschen selbst. Dazu müsste man die über 30 000 Bürgerstifterinnen und -stifter interviewen. Etwas Positives bewirken zu wollen und seiner Region etwas zurückzugeben wird oft genannt. Eine weitere Motivation mag sein, weil man gehört hat, dass Stifter länger leben. Sie werden laut einer amerikanischen Studie im Schnitt sechs Jahre älter als Nichtstifter und sind erheblich gesünder.

Warum sind Bürgerstiftungen heute so wichtig?

Sie sind wichtig, weil sie sich für eine Gesellschaft engagieren, die sich füreinander einsetzt und nicht ausgrenzt, die anpackt und nicht lamentiert, die miteinander spricht und nicht schweigt, die Lösungen sucht und nicht Probleme schafft und die Populisten und Angstmachern etwas Positives und Konstruktives entgegensetzen kann. Bürgerstiftungen sind damit ein Hebel für konstruktives bürgerschaftliches Engagement.

Brauche ich nicht viel Geld, um mich zu beteiligen?

Jeder kann mitmachen. Jeder kann sich beteiligen. Jeder ist willkommen, mit Zeit, Ideen oder kleinem bzw. großem Geld. Unterschiedlichste Menschen einer Region kommen hier zusammen. Sie alle verbindet eine gemeinsame Wertebasis, die Gemeinwohlorientierung, der regionale Fokus, die Unabhängigkeit und das gemeinsame Ziel: ein lebenswertes Umfeld zu erhalten bzw. weiterzuentwickeln. Dabei spielen Einzelinteressen und Ideologien keine Rolle.

Häufig wird darüber diskutiert, ob Bürgerstiftungen nicht Aufgaben übernehmen, um die sich eigentlich der Staat kümmern sollte?

Stiftungen und damit auch Bürgerstiftungen wollen ausdrücklich nicht die Aufgaben des Staates übernehmen. Sie verstehen sich vielmehr als Impuls- und Ideengeber, durchaus auch als Partner der Kommunen. Ich denke, man sollte nicht zu viel Kraft und Energie auf diese Diskussion und auf die Verteidigung verwenden, dass man nicht Aufgaben des Staates übernimmt. Wir stehen für kulturelle Bildung, für Umwelt, für Vielfalt, für Gleichberechtigung, für Nachhaltigkeit, oder was immer auch als drängend wahrgenommen wird.

Welche Bedeutung hat der Gewinn des Deutschen Stifterpreises für die Bürgerstiftungen in Deutschland?

Das Thema des diesjährigen Stiftungstages in Mannheim war „Unsere Demokratie“. Ich finde es eine großartige Entscheidung der Jury, dieses Jahr die über 30 000 Zeit-, Geld- und Ideenstifter in Deutschland auszuzeichnen. Nicht nur, dass es hervorragend zum Tagungsthema passte, da die Bürgerstiftungen das demokratische Modell in der Stiftungsfamilie sind. Es ist darüber hinaus eine großartige Anerkennung und Würdigung des Engagements ganz normaler Bürger. Wichtig ist auch, dass so ein Preis öffentliche Aufmerksamkeit generiert. Sie müssen noch viel bekannter werden.

Seit 15 Jahren gibt es im Werra-Meißner-Kreis eine Bürgerstiftung. Welche Entwicklung hat sie seitdem genommen?

Die Bürgerstiftung Werra-Meißner-Kreis entwickelt sich sehr gut. Sie wird von unglaublich engagierten Menschen getragen und weiterentwickelt. Das Kapital steigt, die Spendensummen steigen. Das Potenzial aber ist noch viel größer. Es gehört zur Daueraufgabe einer Bürgerstiftung, weitere Engagierte und Stifter zu motivieren. Das heißt, es muss das Kunststück gelingen, auch über unsere Generation hinaus zu denken und zu verstehen, dass man hier gemeinsam eine nachhaltige, von der Zivilgesellschaft getragene Organisation entwickelt.

Wie sehen Sie die Zukunft der Bürgerstiftungen?

Überaus positiv. Sie haben eine hohe gesellschaftliche Relevanz und erfüllen wichtige gesellschaftliche Aufgaben. Das Hauptaugenmerk liegt nicht mehr auf dem quantitativen Wachstum. Es gibt bereits 400 Bürgerstiftungen, damit haben wir in Deutschland bereits eine breite Abdeckung. Die Herausforderung ist nun, die Bürgerstiftungen, die es gibt, qualitativ weiterzuentwickeln, das heißt nachhaltig aufzustellen, mehr und junge Stifterinnen, Engagierte, Partner zu gewinnen. Letztlich hängt es von den Menschen vor Ort ab, wie sich eine Bürgerstiftung entwickelt.  

Das ist Ulrike Reichart

Ulrike Reichart

Ulrike Reichart, geborene Hosbach (44), stammt aus dem Wanfrieder Stadtteil Altenburschla und hat 1994 am Oberstufengymnasium in Eschwege ihr Abitur abgelegt. Nach einem Studium der Neueren Geschichte und Politik an der FU Berlin ist sie seit 2006 für den Bundesverband Deutscher Stiftungen tätig. Seit 2013 hat sie die Leitung des Bundesverbands Deutscher Stiftungen inne. Reichart ist verheiratet, Mutter von zwei Kindern und lebt in Berlin.

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