Bundestagskandidaten in Porträt

Martina Selzer (Grüne): „Kleine Schritte reichen nicht“

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Der Garten ist ihr Lieblingshobby: Martina Selzer freut sich, wenn sie Pfirsiche ernten kann oder Himbeeren und Erbsen. Die Blumen sind für die Insekten gepflanzt. Im hinteren Bereich ist ein Naturteich angelegt, der nicht nur von Fröschen und Schwalben gern genutzt wird. Die Hollywoodschaukel im Garten ist von anderen ausrangiert worden. Bei Möbeln setzt Selzer auf Langlebigkeit.

Wildeck. Martina Selzer (Bündnis90/Die Grünen) will für ihre Partei am 24. September in den Bundestag einziehen. Ein Porträt.

Martina Selzer steht im Garten, selbst gezogene Pfirsiche in der Hand, und sagt: „So wie ich es liebe, unseren Garten zu gestalten, so liebe ich es auch, in der Politik zu gestalten und zu verändern.“ Das klingt wie ein braver, vorformulierter Satz aus einem Wahlkampf-Ratgeber, aber es trifft auf die 53-jährige Hönebacherin zu. Und Martina Selzer mag auch keine braven Floskeln, sie spricht lieber Klartext.

Natürlich ist für sie als Grüne der Natur- und Umweltschutz ein zentrales Thema. „Den Respekt vor der Schöpfung habe ich von meinen konservativen, aber gleichzeitig sehr weltoffenen Eltern gelernt“, erzählt Selzer. In ihrem Elternhaus waren immer wieder Untermieter aus der ganzen Welt zu Gast.

Politisch aktiv war sie schon in der Oberstufe – in der Zeit der großen Demos gegen die Atomkraft und den Nato-Doppelbeschluss. Geboren in Gernsheim, war Biblis nicht weit.

Klimaschutz nur mit Grünen

„Nur, wenn die Grünen an der nächsten Regierung im Bund beteiligt sind, wird etwas in Sachen Klimaschutz passieren“, ist sich Selzer sicher. „Sonst verpassen wir den letzten möglichen Zeitpunkt, Dinge zu wenden.“ Der Erhalt der Lebensgrundlage für Menschen, Tiere und Pflanzen liegt ihr am Herzen. „Chancengerechtigkeit“ ist ein weiteres Anliegen. „Es darf nicht sein, dass die Aufstiegschancen davon abhängen, wo ein Mensch geboren wurde.“

Martina Selzer ist eine Kämpferin. Aber sie ist nicht verbohrt und nicht dogmatisch. Offen steht sie dazu, dass sie selbst nicht immer konsequent ist. „Ich bin zum Beispiel nicht so konsequent, gar kein Auto mehr zu fahren.“

Das sei auf dem Land angesichts der Lücken beim öffentlichen Nahverkehr auch nur schwer möglich. Sie hat großen Respekt vor Menschen, die trotzdem das Auto stehen lassen. „Das sind Leute, an denen wir uns orientieren müssen.“ Das Leben mache nicht weniger Spaß, wenn man mit dem Rad oder dem Zug fahre. Sie selbst nutzt ein Elektrorad. Der Stromverbrauch sei minimal. Selzer isst auch Fleisch, weil es ihr schmeckt – aber nicht so viel.

Sie ist auch realistisch: „Es ist wichtig, dass jeder Einzelne sich um den Naturschutz bemüht. Aber viele kleine Schritte reichen nicht.“ Wenn die Regierung zum Beispiel aus der Kohleproduktion aussteige, bringe das viel mehr, als wenn jeder Bürger jeden Tag fünf Kilometer weniger Auto fahre.

Für sie ist es wichtig, dass die Grünen auch in unserer Region heiße Eisen anpacken. Ein Beispiel sei die Versenkung der Salzabwasser durch K+S. „Ohne Druck von außen hätte das Unternehmen in den vergangenen Jahren nicht so viel Geld in den Umweltschutz gesteckt.“ Oft sei die Bevölkerung von grünen Thesen zunächst schockiert. Jahre später dann seien sie kein Aufreger mehr. Das sei zum Beispiel beim Atomausstieg der Fall. „Die Gesellschaft ist grüner geworden“, sagt Selzer.

Die Kandidatin der Grünen steht auch offen zu ihren Schwächen. Ungeduld und Impulsivität gehören dazu. Ihre Stärken sieht sie im analytischen Denken. Auch Hartnäckigkeit zählt sie zu ihren starken Seiten. „Aber Hartnäckigkeit zählt manchmal auch zu meinen Schwächen, wenn es zu penetrant wird“, gibt sie ehrlich zu und muss selbst lachen. (dup)

Zur Person

Martina Selzer (53) ist in Gernsheim geboren. Sie hat fünf Semester Philosophie und Germanistik in Heidelberg sowie Wirtschaftswissenschaften an der Fernuniversität Hagen studiert. Sie ist Tischlerin und Diplom-Kauffrau. Seit 2009 ist sie Mitglied von Bündnis90/Die Grünen, seit zwei Jahren Sprecherin der Partei im Kreis. Selzer lebt im Wildecker Ortsteil Hönebach. Bis vor kurzem hat sie dort ein Büro für Kommunikation betrieben. Ihre Hobbys sind der Garten, Wandern, Reitwandern und Lesen. Außerdem spielt sie gern Skat und Doppelkopf. Ihre liebsten Urlaubsziele sind Touren an Flussläufen in Deutschland - dorthin startet sie von Zuhause mit dem Rad und nutzt dann auch den Zug. Martina Selzer ist im Vorstand der Waldhessischen Energiegenossenschaft aktiv, beim BUND und den Fachwerkfreunden Hönebach. Die 53-Jährige ist verheiratet. Ihre Tochter Kaya Kinkel sitzt für die Grünen im Landtag. Ihr Sohn studiert in Göttingen Biologie. Sie hat ein Enkelkind. (dup)

Zehn kurze Fragen

1. Jeans oder Stoffhose? Jeans.
2. Meer oder Berge? Alles, was dazwischen liegt, mit dem Rad erkunden.
3. Facebook oder Twitter? Sind beides Zeitfresser.
4. Bier oder Wein? Eher Radler oder Weinschorle – ich vertrage nicht viel.
5. Fußball oder Formel 1? Wandern.
6. Hotel oder Zelt? Private Unterkünfte – so hat man schnell Kontakt zu den Menschen.
7. Mercedes oder BMW? Ich mag die ganz großen Wagen: Cantus.
8. Rock oder Pop? Die ganze Bandbreite.
9. Ahle Wurscht oder Weckewerk? Geht’s nicht auch mal ohne Fleisch? 10. Aufzug oder Treppe? Ich laufe gern.

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