Verkauf ohne Maske ist legal

Corona: Verkäufer ohne Masken auf dem Wochenmarkt in Eschwege - das steckt dahinter

Pflicht: Seit Herbst vorigen Jahres müssen Besucher und Marktbeschicker auf dem Eschweger Wochenmarkt eine Maske tragen. Darauf wird mit Schildern hingewiesen, das Ordnungsamt kontrolliert die Einhaltung.
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Pflicht: Seit Herbst vorigen Jahres müssen Besucher und Marktbeschicker auf dem Eschweger Wochenmarkt eine Maske tragen. Darauf wird mit Schildern hingewiesen, das Ordnungsamt kontrolliert die Einhaltung.

Mit Unmut haben Besucher des Wochenmarktes in Eschwege darauf aufmerksam gemacht, dass nicht alle Marktbeschicker sich an die Maskenpflicht halten. Das steckt dahinter.

Eschwege - „Allein am Ostersamstag standen drei Leute ohne Masken hinter einem Stand, davor drängten sich viele Kunden“, schildert die Meinharderin Christel Fischer-Koch. Sie als Hochrisikopatientin empfinde die Verweigerung der Maskenpflicht den jeweiligen Kunden gegenüber als „rücksichtlos und unsolidarisch“, zumal durch Virusmutationen die Infektionszahlen kontinuierlich stiegen. Sie selbst boykottiere den Stand bereits seit Wochen.

Ohne Maske am Verkaufsstand in Eschwege: Ordnungsamt hat keine Handhabe

Auch das Eschweger Ehepaar Monika und Gunter Beck hat kein Verständnis. Der 76-jährige ist Asthmatiker und zudem an COPD erkrankt. „Ich nehme meinen Mann nur noch selten mit auf den Markt, weil es einfach zu gefährlich für ihn ist und ihm das Atmen unter einer FFP2-Maske noch schwerer fällt“, sagt Monika Beck. Ihr Mann habe allerdings von dem behandelnden Pneumologen kein Attest erhalten, dass ihn von der Maskenpflicht befreit. „Was uns aber besonders aufregt, ist, dass das Ordnungsamt keine Handhabe hat“, sagt Monika Beck.

„Aber ich empfinde das Verhalten auch trotz der Atteste als das falsche Signal in diesen Zeiten.“

Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe

Das bestätigt Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe. „Die betroffenen Personen haben beide ärztliche Atteste. Damit sind dem Ordnungsamt die Hände gebunden.“ Die städtischen Behörden hätten verschiedene Möglichkeiten geprüft – ohne Erfolg. Auch ein persönliches Gespräch mit den betroffenen Marktbeschickern sei folgenlos geblieben.

„Aber ich empfinde das Verhalten auch trotz der Atteste als das falsche Signal in diesen Zeiten“, so Heppe. „Aber alle, die auf dem Markt ohne Maske sind, haben ein Attest.“

Keine Maske beim Verkauf: Marktbeschicker aus Eschwege fühlen sich stigmatisiert

Die Marktbeschickerin (Name ist der Redaktion bekannt), die mit dem Familienbetrieb seit vielen Jahrzehnten zweimal wöchentlich auf dem Wochenmarkt ist, fühlt sich von der Kritik regelrecht stigmatisiert und verweist auf die ärztlichen Atteste für ihren Mann und sich. „Die habe ich mir ja nicht selbst geschrieben. Das waren Ärzte. Das ist wie eine Hexenjagd. Wir werden hier an den Pranger gestellt“, sagt die Frau. Zudem verweist sie darauf, dass ihr Marktstand sich im Freien befindet, Abstände zu den Kunden eingehalten werden und ein möglicher Plexiglasschutz deshalb auch nicht notwendig sei.

Dass sich eine breite Mehrheit der Eschweger Wochenmarktbesucher daran stört, dass das Paar keine Masken trägt, bezweifelt sie. „Wenn keiner bei uns kaufen würde, wären wir pleite.“ Andererseits sei ja aber auch niemand gezwungen, an dem Stand einzukaufen.

„Wer zuviel Angst hat, muss eben einen Bogen um uns machen.“ Platz gebe es am Eschweger Obermarkt dafür genug. Sie und ihre Familie würden sich an längst vergangene Zeiten erinnert fühlen, in denen Denunziantentum und Ächtung an der Tagesordnung waren. „Ich finde es traurig, dass sich Menschen inzwischen wieder gegenseitig anschwärzen, anstatt miteinander zu reden.“

Kommentar von Stefanie Salzmann zum Thema Maskenpflicht: Aufgabe für die Gemeinschaft

Die Last der Verbote in dieser Pandemie wiegt schwer. Und nach über einem Corona-Jahr fällt auch die Entscheidung über ein Richtig und ein Falsch zunehmend schwerer – deutlich zu sehen an dem Ringen der Bundesregierung und der Länderchefs im Umgang mit der Pandemie, aber ebenso bei der Meinungsbildung eines jedes einzelnen. Wer die Einschränkungen und die Maskenpflicht ernst nimmt, ärgert sich leicht über jeden, der davon eine Ausnahme machen darf.

Dennoch sollten beispielsweise ärztliche Atteste nicht per se angezweifelt werden, deren Inhaber schon gar nicht stigmatisiert werden. Andererseits ist der Schutz von Menschen, die bei einer Infektion ein besonders hohes Risiko tragen, ebenfalls eine Gemeinschaftsaufgabe. Das muss nicht heißen: Maske tragen gegen ärztliche Rat. Aber man könnte durch einen anderen möglichen Schutz wie beispielsweise eine Einhausung des Marktstandes signalisieren, dass man zur Rücksicht bereit ist. Falsch kann das nicht sein.

Diese Freiheit hat jeder – mit und ohne Sondergenehmigung. Denn auch Angst ist ein sehr persönliches Empfinden, das es zu respektieren gilt. Und dabei sollte es keine Rolle spielen, ob man sie selbst für überzogen oder unbegründet hält. Denn das Nebeneinander von Angst und Ignoranz wird erst ein Ende finden, wenn diese Pandemie vorbei ist. Und alles, was hilft, ist richtig. (Stefanie Salzmann)

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