Trauern in der Krise

Coronavirus: Die Größe einer Trauerfeier ist im Moment nicht maßgeblich

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Beisetzungen sollen derzeit nur noch im engsten Familienkreis stattfinden: Friedhof in Witzenhausen. 

Öffentliche Trauerfeiern im großen Rahmen werden in diesen Tagen abgesagt wurden. Was man während des Coronavirus beachten muss, klären wir im Interview mit Pfarrer und Bestatter.

  • Trauern in der Coronakrise - das Coronavirus wirkt sich auch auf diesen Lebensbereich aus
  • Was sollten Hinterbliebene beachten?
  • Bestatter Lars-Henning Bartels und Pfarrer Ralph Beyer geben Tipps

Wie kann man trotz Coronakrise trauern? Und darf man sich über die Wünsche der Verstorbenen hinwegsetzen? Darüber haben wir mit Bestatter Lars-Henning Bartels (HB) und dem stellvertretenden Dekan Ralph Beyer (RB) gesprochen.

Welche Regeln gelten zurzeit für Trauerfeiern?

HB: Kirchen sind für Versammlungen geschlossen. Dies gilt auch für Friedhofshallen und Friedhofskapellen. Das hat zur Folge, dass alle Trauerfeierlichkeiten „unter freiem Himmel“, draußen oder direkt am Grab, stattfinden müssen. Zugelassen ist bei uns hier im Werra-Meißner-Kreis noch der allerengste Kreis. Dies ist eine Vorgabe der Landeskirche Kurhessen-Waldeck. 

In Österreich gelten zurzeit Vorgaben, bei denen die Anzahl von Trauergästen auf fünf limitiert ist. In Italien darf teilweise niemand von der Familie anwesend sein. Wichtig ist, dass wir uns gemeinsam an die Vorgabe der Landeskirche Kurhessen-Waldeck halten und so einen Beitrag leisten, um den Verlauf der Infektionskurve abzuflachen.

RB: Im Moment müssen wir einfach alle auf einem uns neuen Feld lernen, was es heißt, Rücksicht zu nehmen. Noch vor wenigen Tagen galt es, Verbundenheit durch eine Umarmung auszudrücken. Heute stellt diese Geste eine Gefahr für mein Gegenüber dar.

Coronavirus: Auch in der Krise ist es wichtig, einen Zeitpunkt und Ort des Abschieds zu finden

Wie sollen nun Angehörige von ihren Verstorbenen Abschied nehmen?

HB: Weiterhin besteht die Möglichkeit, einen zu Hause Verstorbenen bis zu 36 Stunden bei sich zu behalten und sich zu Hause zu verabschieden. Unter jetzigen Vorgaben sollte diese Möglichkeit allerdings nur der engste Familienkreis wahrnehmen und nicht der weitere Bekanntenkreis. 

RB: Für unser Trauern ist es sehr wichtig, einen Zeitpunkt und einen Ort des Abschiedes zu finden. Trauer, die im wahrsten Sinne des Wortes von meinen Freunden, meiner Dorf- und Stadtgemeinschaft mitgetragen wird, ist leichter zu tragen.

Aus meiner Sicht sollten wir Trauerfeiern im gewohnten zeitlichen Abstand stattfinden lassen. Es würde uns nicht guttun, wenn wir die Urnen unserer Verstorbenen erst in einigen Wochen beisetzen. Dieser Schritt des Abschiedes läge dann permanent „wie ein Berg“ vor uns. Vielmehr sollten wir jetzt im allerengsten Familienkreis die Bestattung unserer Toten in Begleitung eines Pfarrers vornehmen.

Coronavirus: Ziel ist, den Willen des Verstorbenen möglichst umzusetzen

Manche Verstorbene verfügen eine Trauerfeier und planen sie schon im Detail. Sollte man sich in der Coronakrise über den letzten Willen hinwegsetzen?

HB: Der Wille des Verstorbenen wird so weit umgesetzt werden, wie es die derzeitigen gesetzlichen Vorgaben zulassen. So kann es sein, dass der Verstorbene eine für die Gemeinde offene Trauerfeier wünscht, die eben jetzt nicht möglich ist. Hier wird man also entscheiden, dass die Beisetzung zunächst im engsten Familienkreis erfolgt und eine für die Gemeinde offene Trauerfeier nachgeholt wird.

RB: Der letzte Wille ist immer ein hohes Gut, das wir nach menschlichem Vermögen erfüllen wollen. Wenn man mit Sterbenden spricht, beinhaltet dieser letzte Wille aber nie den Gedanken, anderen Menschen, insbesondere den engsten Zurückbleibenden, einen Schaden zuzufügen. Der letzte Wille will eigentlich etwas positiv regeln im Sinne der Fürsorge für die Hinterbliebenen.

Gehört eine große Trauerfeier zur Trauerbewältigung dazu?

RB: Die Größe der Trauerfeier ist nicht entscheidend für den Weg der Trauer oder die Trauerbewältigung. Wichtig ist, dass wir bald nach dem Tod eine würdige Form der Beisetzung erleben können und dass wir uns in unserem Schmerz nicht allein gelassen fühlen müssen.

Coronavirus: Neue Wege, um trotz Abstand sein Mitgefühl auszudrücken

Kondoliert wird per Handschlag oder mit einem Eintrag ins Kondolenzbuch. Ist das während der Coronakrise zu verantworten?

HB: Neben dem Selbstschutzgedanken gilt vor allem der solidarische Schutz des Gegenübers und der Mitmenschen sowie die Aussagen des Virologen Prof. Kekulé und unserer Kanzlerin: Umarmungen sollten nur mit denen getauscht werden, mit denen wir auch Viren austauschen möchten und auseinanderrücken, um zusammenzurücken.

RB: Neben einer Umarmung oder einem Händedruck gibt es sicherlich noch viele andere Möglichkeiten, sein Mitgefühl auszudrücken. Der traurige Blick, den ich teile oder in diesen Tagen, wo wir vielleicht auch einfach mal mehr Zeit haben, uns hinzusetzten und eine Karte zu schreiben.

Einfach mal Worte finden, welche Bedeutung die oder der Verstorbene für mich hatte. Solche Karten werden meist sehr lange aufgehoben, immer mal wieder herausgeholt und von den Hinterbliebenen gelesen.

Die Digitalisierung schafft neue Möglichkeiten: Ist eine Übertragung per Livestream würde- oder pietätlos?

HB: Grundsätzlich kann ich daran nichts Würde- oder Pietätloses erkennen. Livestreams ersetzen aber nicht zu 100 Prozent das Gefühl der Anwesenheit vor Ort. Wäre es anders, bräuchte man zur EM oder WM beispielsweise auch keine Fußballstadien mehr.

RB: Wir werden auch solche Möglichkeiten mit allen Betroffenen durchdenken. Als hilfreich habe ich es bisher eher erlebt, die gesprochenen Worte digital oder in Papierform den Hinterbliebenen zukommen zu lassen. Oft werden sie in ruhigen Stunden noch einmal hervorgeholt.

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