BLICKPUNKT WERRA-MEISSNER Eschweger Friedhof ist artenreiches Biotop

Mehr Artenvielfalt als im Wald - der Eschweger Friedhof ist ein Vogelparadies

Eine alte Grabstätte, verwittert und mit Efeu überwachsen.
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Je älter und verwunschener, desto beliebter bei den Vögeln: Diese mit Efeu überwachsene Grabstätte auf dem Eschweger Hauptfriedhof ist für Vögel ein Paradies. Sie nehmen die Früchte des alten Efeus und finden dort auch guten Schutz.

Ausgerechnet inmitten in der Stadt hat ein enormer Artenreichtum sein geschütztes Habitat gefunden. Auf dem Eschweger Friedhof leben zahlreiche, zum Teil seltene, Vogelarten.

Eschwege – Ein lautes und frühlingshaftes Zwischern, Käckern, Tschilpen und Klopfen schwirrt dieser Tage über den Eschweger Friedhof. Wohin der Besucher des fast 90 000 Quadratmeter großen Areals auch schaut – es flatter, fliegt und pickt.

„Wir haben auf dem Friedhof eine deutlich größere Artenvielfalt in der Vogelwelt als in der freien Landschaft wie im Wald oder am Werratalsee“, sagt der Vogelschutzexperte Rainer Olßok.

Zwergohreule sorgte für Aufregung

Erst vor zwei Jahren sorgte der nächtliche Balzruf einer Zwergohreule für Furore – niemand konnte das Geräusch zuordnen. Als klar war, um welches Tier es sich handelt, rückte selbst das hessische Fernsehen aus Frankfurt an, um mit den aufgebrachten Nachbarn Interviews zu führen. Die Zwergohreule ist nur so groß wie eine Amsel, stammt eigentlich aus dem Mittelmeerraum und hatte sich auf einer alten hohen Tanne des Friedhofs niedergelassen.

Olßok, der täglich viele Stunden in Feld und Flur unterwegs ist, auch auf dem Eschweger Friedhof, hat hier bereits einen Pirol beobachtet. Der durch sein leuchtend gelbes Gefieder auffällige Vogel ist eigentlich ein Waldewohner – und in unseren Breiten selten noch dazu.

Aber auch den nordischen Bergfink, Erlenzeisige, Hauben- und Tauben- und Tannenmeisen, Zilpzapls, Zaunkönige, Grün- und Buntspechte, das Goldhähnchen, der kleinste europäische Singvogel, sowie Kleiber, Baumläufer, Kernbeißer und Gimpel sind auf dem Friedhof zu Hause.

Zum Teil uralte Baumbestände sind ideale Plätze für Vögel

Den Grund für diese enorme Artenvielfalt sieht Olßok in der Struktur des Friedhofsgeländes. Allein die Bäume der Lindenallee sind bis zu 170 Jahre alt, viele wurden bei der Gründung des Friedhofes 1860 gepflanzt. „Wo sonst findet man heute noch so hohe, alte Bäume?“ sagt der Vogelexperte. In bewirtschafteten Wäldern werde heute kein Baum mehr so alt.

Besonders die Höhlen, die in den alten Bäumen sind, lieben einige Vogelarten wie der Kleiber sehr. „Deshalb kommen auch die Waldvögel hierher“, sagt Olßok. Ebenso lieben einige Vögel die offen brüchigen Rinden der alten Bäume, in die Baumläufer und Kleiber ihre Schnäbel stecken können, um Insekten rauszuangeln.

Aber auch die alten Gehölze und Hecken, die das Friedhofsgelände inselartig durchziehen, sind idealer Lebensraum für die vielen Vögel.

Tannenmeisen beispielsweise gehen gern in die Koniferenbestände und holen sich dort die Samen. Uralte Efeubewüchse an der Friedhofsmauer und über der einen oder anderen alten, verwitterten Grabstätte sind ebenso Schutzraum wie Nahrungsort für Vögel. Auch für die Insektenfresser in der Vogelwelt ist der Friedhof ein guter Ort. Denn in den offenen Komposten finden die Tiere Würmer, Asseln und Käfer reichlich.

Wer den Artenreichtum beobachten will, sollte sich in Ruhe und still für ein bis zwei Stunden zum Betrachten der bunten Vogelwelt auf eine Bank auf dem Friedhof setzen, empfiehlt Olßok. Denn während man im eiligen Gang über die Wege verzweifelt und mit steifem Nacken in die Kronen schaut, lacht einen der Grünspecht aus. Stefanie Salzmann

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