Henry Fords „Blechliesel“

Rolf König und sein Oldtimer-Prachtstück: Die „alte Dame“ Tin Lizzy wird 106

Ein Mann sitzt in einem alten Ford-T-Modell.
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Rolf König und sein 1914 gebautes Ford-T-Modell: Die „Tin Lizzy“ ist 106 Jahre alt, „läuft aber immer noch wie am ersten Tag!“, sagt der Eschweger stolz.

Henry Fords „Blechliesel“ aus dem Jahr 1914 ist das Prachtstück in der Oldtimer-Sammlung des Eschwegers Rolf König. Seine „Lizzy“ sorgt bei jeder Ausfahrt für Aufsehen.

Wenn er sie gelegentlich mal zu einer Spazierfahrt mit Freunden ausführt und aus ihrem Garagen-Schlafzimmer holt, dann sorgt Rolf König schon mal für einiges Aufsehen in der Stadt. Manchmal sogar für einen kleinen Verkehrsstau, wenn die modernen Flitzer ihn nicht überholen können, geduldig hinter dem mit 40 Stundenkilometern über die Straßen tuckernden Oldie warten müssen.

Denn ein Auto wie Rolf Königs 1914 in den Staaten gebaute „Tin Lizzy“, das erfolgreiche Oldie-T-Modell von Henry Ford, bekommt man auf den Straßen des Werratales nicht jeden Tag zu sehen. Viele Fragen und Fotos sind dann an der Tagesordnung.

Zweifellos ist die „Lizzy“ , übersetzt „Blechliesel“, das Prachtstück in Rolf Königs Oldtimer-Sammlung, das in diesem Jahr immerhin 106 Jahre alt wird. König hat diesen Oldtimer in all den Jahren besonders schätzen gelernt. Zur Sammlung des ehemaligen Ford-Händlers aus Eschwege gehören aber noch vier weitere Modelle: Der Ford A von 1929 und die Nachkriegsmodelle Fiesta, Capri und Skorpio.

Rolf Königs T-Modell „Runabout“ wurde im Februar 1914 in der Nähe von Chicago/Michigan gebaut und gehörte zu den ersten 35 000 Autos, die Henry Ford 1914 mittels Fließbandfertigung herstellen ließ. Wie König die Bekanntschaft mit seiner „Lizzy“ machte, ist eine kuriose Geschichte. Erst am letzten Tag eines USA-Besuches 1991 entdeckte Rolf König in einer Anzeige das Angebot. Er beauftragte einen US-Bekannten mit der Kontaktaufnahme mit dem Anbieter in Arizona. Der Bekannte begutachtete das Fahrzeug, verhandelte, schickte König Fotos nach Eschwege.

Da Preis und Zustand des Fahrzeugs stimmten, kam das Geschäft schnell zustande. Von Miami ging die Fracht per Schiff nach Bremerhaven, von dort holte Rolf König seine „Lizzy“ wenige Wochen später auf einem Anhänger nach Eschwege. Der begeisterte neue Besitzer: „Sie war in fantastischem Zustand, absolut in Ordnung, ein guter Kauf.“ Nur die Beleuchtung des Fahrzeugs musste umgerüstet werden, schnell kam das Ja des TÜV, das T-Modell durfte auf die Eschweger Straßen.

Ab 1992 waren Rolf König und seine „Lizzy“, die ein Motor von 2884 ccm/20 PS antreibt und die eine Höchstgeschwindigkeit von 63 km/h erreicht (König: „Das mute ich der alten Dame aber nur selten zu!“) öfter unterwegs. Sie besuchten viele Oldtimer-Treffen. In letzter Zeit waren es etwas weniger Kilometer. Wenn es aber das Wetter zulässt, dann holt Rolf König seine gut gepflegte „Lizzy“ aus ihrer Garage: „Mit ihr könnte ich täglich bis zu 250 Kilometer fahren, ohne sie zu überfordern“, stellt er seinem Oldie ein bemerkenswertes Fitness-Zeugnis aus. „Sie läuft noch wie am ersten Tag. Mängel oder Reparaturen gibt es so gut wie keine. Und wenn, dann sind die bei der simplen Konstruktion von jedem Dorfschmied im Handumdrehen zu beheben.“

Dass er nur Ford-Oldies in seine Sammlung aufnahm, war für Rolf König, dem ehemaligen Inhaber der Eschweger Ford-Vertretung am Hessenring, selbstverständlich. Sein zweites Hobby aber waren Kutschfahrten mit seinem guten Bekannten August Stützer aus Grebendorf. „Die Vorbereitung der Fahrten und Pflege der Tiere und Fahrzeuge erforderten aber viel Einsatz.“ Deshalb suchte sich König eine Feierabend-Beschäftigung, die weniger aufwendig war: „Die Oldtimer müssen zwar auch gepflegt werden, aber nicht so oft. Du setzt dich rein, los geht’s. Nach der Fahrt Garagentür zu, Feierabend!“ Und deshalb freut sich Rolf König schon auf den nächsten Ausflug mit seiner 106 Jahre alten „Lizzy“ oder einem seiner anderen Ford-Oldtimer.

Henry Fords T-Modell war bis 1972 mit 15 Millionen das meistverkaufte Automobil der Welt, ehe dieser Titel an den VW-Käfer ging. Viele Ford-Varianten waren lieferbar: Die „Lizzy“ als Zweisitzer-Cabriolet „Runabout“, der „Touring“ als Viersitzer-Cabrio, „Tudor“ als Limousine und der „One-Ton-Truck“, ein Lastkraftwagen. Auch das US-Miltitär nutzte eine Ford-Konstruktion, baute einen Panzerwagen. Ein Prozent aller von 1908 bis 1927 gefertigten 200 000 Ford-Modelle existieren heute noch.

Schon 1908 überraschte der sozial eingestellte Henry Ford die Welt mit der Idee des T-Modells, einer genialen Konstruktion: 2,9-Liter Hubraum, Vierzylindermotor mit Wasserkühlung und zweistufiges Planetengetriebe, das mittels Fußpedal geschaltet wird (Geschwindigkeit 12 bis 70 km/h).

Das Chassis bestand aus einem einfachen Leiterrahmen, der neben dem Motor und Hinterradantrieb auch die Karosserie, die Achsen und Blattfedern trug. Dieser Rahmen fand Verwendung für alle weiteren Ford-Modelle. Der Einstandspreis der „Lizzy“ betrug 850 Dollar, wurde aber nach der Fließbandfertigung später auf 370 und 290 Dollar gesenkt.

Von Siegfried Furchert

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