„Die Täter erzeugen Handlungsdruck“

Interview: Psychologin Dr. Beate Hahne über Senioren, die Opfer von Trickbetrügern werden

Eschwege. Es sind teils hanebüchene Geschichten, die sich Trickbetrüger ausdenken, um Menschen um ihr Geld zu erleichtern. Beliebte Opfer sind Senioren. Wir sprachen mit Dr. Beate Hahne, Chefärztin des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Werra-Meißner darüber, welche Rolle das Alter der Opfer spielt.

Frau Dr. Hahne, werden Menschen im Alter naiv? 

Beate Hahne

Dr. Beate Hahne: „Nein, das kann man nicht sagen. Man darf ohnehin auf keinen Fall alle älteren Menschen über einen Kamm scheren. Es gibt ja auch genug Senioren, die Betrugsversuche bemerken. Kürzlich habe ich von einer 100-Jährigen gelesen, die einen Anrufer mit einer Fangfrage hat auffliegen lassen. Eine häufige Ursache für erfolgreiche Trickbetrügereien ist zum Beispiel Gutgläubigkeit, und die gibt es in jedem Alter.“

Welche Ängste nutzen Täter aus?

Tipps der Kriminalpolizei

• Seien Sie misstrauisch, wenn sich Personen am Telefon als Bekannte oder Verwandte ausgeben, die Sie als solche nicht kennen.

• Geben Sie keine Details zu familiären oder finanziellen Verhältnissen preis.

• Halten Sie nach einem Anruf mit finanziellen Forderungen bei Familienangehörigen Rücksprache.

• Lassen Sie sich durch ständige Anrufe nicht unter Druck setzen, versuchen Sie vielmehr eventuell mithilfe von Nachbarn, Angehörige zu erreichen.

• Heben Sie nach Möglichkeit keine größeren Geldbeträge ab oder bewahren diese zu Hause auf, sondern erledigen Sie Bezahlungen bargeldlos.

• Übergeben Sie niemals Geld an Unbekannte.

• Lassen Sie niemals Fremde in Ihre Wohnung.

• Informieren Sie sofort die Polizei, wenn Ihnen eine Kontaktaufnahme verdächtig vorkommt. Notrufnummer: 110. (red)

Hahne: „Die Täter appellieren häufig an moralische Grundhaltungen, zum Beispiel nach dem Motto: Wenn du mir nicht hilfst, wer dann?. Die Täter, die oft sehr gut organisiert und skrupellos vorgehen, erzeugen bei ihren Opfern im Zuge ihrer kriminellen verwerflichen Aktivitäten einen erheblichen Handlungsdruck. Angesichts eines plötzlich auftretenden großen Problems oder einer unerwartet eintretenden Situation wird stimmungsmäßig eine Art Schockzustand ausgelöst, der durchaus rationale Kontrollinstanzen ausschalten kann. Die Betroffenen sind unvorbereitet, die Beurteilungsfähigkeit ist eingeschränkt. Letztlich muss natürlich jeder Fall im Einzelnen differenziert betrachtet werden.“

Welche Rolle spielt das Alter?

Hahne: „Möglicherweise gibt es bei älteren Menschen ein größeres Hilfsbewusstsein. Auch kann es sein, dass Autoritäten zwar hinterfragt, aber trotzdem relativ kritiklos akzeptiert werden. Kognitiver Abbau im Alter kann Tätern dahingehend in die Hände spielen, dass Überredungsmechanismen besser greifen. Dazu kommt wohl auch, dass man bei älteren Menschen gegebenenfalls mehr Geld vermutet und sie letztlich natürlich auch körperlich unterlegen sind.“

Hat das soziale Umfeld Einfluss auf potenzielle Opfer?

Hahne: „Mangelnde soziale Kontakte machen vielleicht empfänglicher für Trickbetrügereien. Es ist auch anzunehmen, dass sich Menschen, nachdem ihnen durch Trickbetrüger Unrecht angetan wurde, nicht immer gegenüber ihrer Familie offenbaren. Man gibt sich selbst die Schuld und schämt sich wegen der vermeintlich richtigen Selbsterkenntnis: ‚Ich bin alt, mit mir kann man es ja machen…’.“

Wie könnte eine erfolgreiche Aufklärung aussehen? 

Hahne: „Man muss die Thematik einfach mehr aufgreifen und zum Beispiel auch in den Medien Vorsichtsmaßnahmen verbreiten. Wir sind jetzt schon eine aufgeklärtere Generation im Vergleich zur Generation unserer Eltern, dennoch lassen sich auch ältere Menschen sensibilisieren für Stolperfallen wie Kleingedrucktes oder Ähnliches.“

Hintergrund: Enkeltrick

Der Enkeltrick ist eine besonders hinterhältige Form des Betrugs. Die Betrüger beginnen das Gespräch in der Regel mit der Frage „Rate mal, wer hier spricht?“, „Weißt du, wer ich bin?“ oder „Erkennst du mich?“, um sich dann als Verwandte, Enkel oder auch gute Bekannte auszugeben. „Das Ratespiel am Anfang ist extrem verdächtig“, sagt Kriminaloberkommissar Dirk Hofmann, „dann sollte man gleich auflegen.“ Dann bittet der Anrufer kurzfristig um Bargeld. Als Grund wird eine Notlage wie ein Unfall oder ein finanzieller Engpass vorgegeben. Die Lage wird immer als äußerst dringlich dargestellt, und das Opfer wird oft durch wiederholte Anrufe unter Druck gesetzt. Erklärt sich der Geschädigte bereit, wird ein Bote angekündigt, der sich dann mit einem zuvor vereinbarten Kennwort ausweist und das Geld abholt. (hei)

Von Lasse Deppe

Rubriklistenbild: © picture-alliance/ dpa

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