Kleiner Adam, tiefer Brunnen

Ein Vortrag beleuchtet die Ergebnisse der Ausgrabungen am Schlossplatz in Eschwege

Womöglich ein sitzender Adam: Diese kleine Tonfigur wurde neben zahllosen Keramikscherben im Untergrund des Grundstücks Forstgasse 2 gefunden.

Eschwege – Die Zeit bis zum Spätsommer 2018, in der eine Abbruchfläche am Schlossplatz in Eschwege zwischen dem Schlosshotel-Rumpfgebäude und dem Beginn der Forstgasse freilag, wurde von der Archäologie-AG an der Volkshochschule Werra-Meißner genutzt, um an zwei Stellen früherer Bebauung auf den Grund zu gehen.

Was die Forscher herausfanden, stellte AG-Leiter Dr. Karl Kollmann bei einem Vortragsabend von Geschichtsverein Eschwege, Historischer Gesellschaft des Werralandes und VHS in deren Aula gut 30 Zuhörern vor.

An zwei Stellen im vorderen Bereich der Baulücke waren die Archäologen auf Spurensuche. Zum einen wurden vier sogenannte Schnitte neben der Hauswand des Nachbargrundstücks zum Teil bis auf den gewachsenen Fels angelegt. Dort muss schon im Mittelalter ein Fachwerkhaus gestanden haben. Dabei kamen zahlreiche Keramikscherben zum Vorschein, die aus der Zeit vor dem 30-jährigen Krieg stammen. Und ein flacher Steinbrocken fiel auf, der wohl in der Mitte eines Raumes offenbar als Fundament für eine Stütze diente. Auch wurde teilweise das Fundament der Mauer eines Hauses ausgegraben, das mindestens schon 1626 dort gestanden hat.

Womöglich ein sitzender Adam: Diese kleine Tonfigur wurde neben zahllosen Keramikscherben im Untergrund des Grundstücks Forstgasse 2 gefunden.

Zum anderen entdeckten die ehrenamtlichen Forscher in einem von zwei Gewölbekellern, die mit dem Bau des Hotels Koch nach 1852 errichtet wurden, einen alten Brunnen, dessen oberer Teil gekappt und – wie sich herausstellte – um 1850 verfüllt worden war. Diesen 1,30 Meter im Durchmesser großen Brunnen hoben sie bis in zweieinhalb Meter Tiefe aus und stießen dabei auf eine alte eiserne Pumpanlage, deren Rohr in 1,80 Meter Tiefe in Richtung Schlossplatz abzweigt. Das Ausloten des hohlen, senkrecht nach unten führenden Rohres ergab eine weitere Tiefe des Brunnens von dreieinhalb Metern, wobei der letzte halbe Meter im Wasser zu stehen scheint. Außerdem wurden aus der Verfüllung zahllose Keramik- und Glasfragmente aus verschiedenen Epochen herausgelesen, darunter auch Ofenkachel und Werrakeramik.

Interessanter ist da ein Fund aus dem Fachwerkhaus-Boden: ein Tonfigürchen ohne Kopf, knapp fünf Zentimeter groß, vermutlich aus dem Spätmittelalter stammend. Historiker Karl Kollmann hat es zunächst als einen sitzenden Adam mit Apfel in der linken Hand im Moment der Erkenntnis seiner Nacktheit interpretiert, da die rechte Hand auf die Scham deutet. Aus dem Publikum wurden in der nachfolgenden Diskussion aber auch andere Deutungen für möglich gehalten.

Dr. Karl Kollmann,Leiter der Archäologie-AG

Ältere Funde im Bereich der Baulücke, die mit dem neuen Kreishaus gefüllt werden soll, könnten die Archäologen höchstens noch am Grund des Brunnens machen. Denn, wie Kollmann schon zu Beginn seines Vortrags mit der wechselvollen Geschichte des Grundstücks zwischen Forstgasse, Schlossplatz und unteren Anlagen darlegte, befand sich dort im Mittelalter ein Burgsitz der Adelsfamilie von Hundelshausen. Die vermutlich engen Verwandten der Familie von Boyneburg verkauften das Anwesen 1343 an das Nonnenkloster Heydau bei Altmorschen. Das war übrigens 40 Jahre, bevor mit dem Bau des Eschweger Schlosses vis-á-vis begonnen wurde.

Doch AG-Leiter Kollmann machte deutlich, dass ein weiteres Ausheben des Brunnens durch die Ehrenamtlichen nur noch unter erschwerten Bedingungen möglich wäre. Zeit allerdings, so wurde am Rande geunkt, dürften die Archäologen dafür noch genug haben.

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