Einkaufen in Zeiten der Coronakrise: „Es ist ein mulmiges Gefühl“

Reguliert Besucherzahl über Einkaufswagen: Sicherheitsmitarbeiterin Diana Freihöffer sorgt für die Umsetzung von Hygienemaßnahmen. Foto: maren schimkowiak

Das heutige Einkaufen hat mit dem einstigen Shoppingerlebnis nicht mehr viel zu tun. Manche Regale sind leer, alltägliche Dinge fehlen, der Einkauf wird zum notwendigen Übel.

Seit gut zwei Wochen ist nichts mehr so wie zuvor – die ganze Welt ist zum Stillstand gekommen und das einzige, was uns als gemeinschaftliche Aktivität bleibt, ist Einkaufen. Aber was uns da begegnet, hat mit dem Shopping von vor einem Monat so gar nichts mehr zu tun: Teils leere Regale und Verkäufer, die auf ihrem Rücken den Hinweis tragen: „Ich habe kein Klopapier“ sind nur zwei Beispiele. 

Die Händler

Die Supermärkte und Discounter haben schnell auf die aktuellen Bestimmungen reagiert, vielerorts weisen Schilder oder handbeschriebene Tafeln auf das Schlagwort dieser Zeit hin: Abstand. „Wir nehmen großes grundsätzliches Verständnis bei unseren Kunden wahr. Ellbogen-Mentalität ist aktuell sowieso fehl am Platz. Wer die neuen Regeln nicht einhält und durch massive, bewusste Missachtung auffällt, würde seinen Einkauf bei uns nicht fortsetzen dürfen“, erklärt die Pressstelle des Handelsunternehmens tegut auf Nachfrage.

Demnach herrsche überwiegend Verständnis dafür, dass der Supermarkt die Kunden „nicht schikanieren möchte“, stattdessen handele es sich um gebotene Schutzmaßnahmen. Diese würden auch eingeführt, wenn sich Kunden zum Beispiel von einer neu eingetroffenen Palette Toilettenpapier bedienen wollten, statt zu warten, bis die Mitarbeiter die Ware verräumt hätten. „Hier behelfen wir uns mit kurzzeitigen Sperrungen.“

Ähnliche Maßnahmen in puncto Sicherheit und Hygiene hat auch der Discounter Lidl einführt. Bodenaufkleber und Plexiglasscheiben an den Kassenplätzen würden den notwendigen Abstand wahren, in den meisten Filialen würden Sicherheitsmitarbeiter die Einhaltung der Vorschriften sicherstellen.

Fragt man nach Nachschub für die stark nachgefragten Produkte, berichten beide Handelsunternehmen von intakten Lieferketten, selbst wenn mancherorts die Regale leer seien.

„Da wir auf ein großes Lieferantennetzwerk zugreifen können und auch Ersatzprodukte eingeplant haben, besteht absolut keine Notwendigkeit zu Hamsterkäufen“, erklärt Lidl. Dies bestätigt auch tegut: „Der Warennachschub ist gesichert – Transport und Logistik laufen auf Hochtouren und funktionieren“.

Die Kunden

Vor den Supermärkten trifft man ganz unterschiedliche Menschen. Zum Beispiel das Ehepaar Mollenkopf aus Hessisch Lichtenau, das sich am Donnerstagvormittag mit Grundnahrungsmitteln versorgt. Ihr gut gefüllter Einkaufswagen verrät: Es scheint noch ausreichend von allem vorhanden zu sein. Ein Blick auf das Ehepaar, das sich mit Mundschutz und Handschuhen gerüstet hat, mutet ein wenig so an, als hätten die Senioren Angst vor atomaren Gefahren. „Uns geht es gut, wir haben alles, was wir brauchen“, erzählen sie unbekümmert. „Wir wollen bloß uns selbst und andere schützen.“

Mit Desinfektionstüchern ausgestattet gehen auch Nicole und ihre Tochter Celine Otto in diesen Tagen in den Discounter. „Es ist ein mulmiges Gefühl, nicht, weil wir Angst vor Ansteckung haben, sondern weil es sich anfühlt, als verstießen wir gegen die Kontaktsperre.“ Das Einkaufsverhalten der anderen Kunden bewerten beide mit gemischten Gefühlen, „einerseits gibt es viel Solidarität, etwa wenn Nachbarn für ältere Menschen einkaufen“, so Nicole Otto. „Andererseits haben wir Leute erlebt, denen auch sechs Packungen Nudeln nicht ausreichen und die immer noch mehr einpacken“, ergänzt Tochter Celine und findet Hamsterkäufe generell sehr egoistisch.

Nach seinen Beobachtungen während des Einkaufens gefragt, reagierte ein Mann ungehalten angesichts „solch panischer Artikel“.

„Man trifft solche und solche Menschen“, sagt Sicherheitsmitarbeiterin Diana Freihöffer, die im Auftrag der Firma Service König aus Kassel die Einkaufswagen beim Discounter in Witzenhausen reinigt und ausgibt. „So können wir sichergehen, dass nicht zu viele Kunden auf einmal im Laden sind.“ Es gebe Kunden, die viel Verständnis aufbrächten, auch wenn sie kurz vor dem Geschäft warten müssen, „andere reagieren genervt und beschweren sich“.

Die Verkäuferin

„Humor ist wichtig“, erzählt eine Supermarktkassiererin, die anonym bleiben möchte. „Wir Mädels haben unseren Spaß. Das hilft sehr.“ Außerdem hätte der große Ansturm mittlerweile nachgelassen und es sei deutlich ruhiger geworden. „Als die Schulen schlossen und dann auch noch der erste Fall im Kreis bekannt wurde, da sind die Leute ein bisschen durchgedreht und haben ihre Einkaufswagen vollgepackt.“ Das große Hamstern wäre aber nun vorbei. „Auf dem Gipfel der Panik wurde mir das Toilettenpapier von der Palette gerissen, an Einräumen war nicht zu denken.“ Es gebe immer noch Kunden, die uneinsichtig seien und etwa den Sicherheitsabstand nicht einhalten wollten, aber im Großen und Ganzen erfahren sie und ihre Kolleginnen zurzeit eine große Anerkennung. „Viele Kunden bedanken sich bei uns. Es tut gut, dass unsere Leistung mal gesehen und honoriert wird.“

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