Die vergessenen Frühlingsboten

Einzigartiges Naturschauspiel im Kreis: Die Balz der Waldschnepfen 

Waldschnepfen gelten als Frühlingsboten. Hier ein historisches Bild aus Naumanns „Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas“aus 1902.
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Waldschnepfen gelten als Frühlingsboten. Hier ein historisches Bild aus Naumanns „Naturgeschichte der Vögel Mitteleuropas“aus 1902.

In den Wäldern spielt sich derzeit ein einzigartiges Naturschauspiel ab: die Balz der Waldschnepfe. Von diesem Frühlingszeichen berichtet Dr. Jörg Brauneis vom Jagdverein Hubertus. 

In diesen Tagen spielt sich in den Wäldern der nordosthessischen Mittelgebirge ein einzigartiges, aber vielen Menschen noch völlig unbekanntes Naturschauspiel ab. Wenige Minuten nach Sonnenuntergang, wenn die Venus als hell strahlender Abendstern am westlichen Himmel sichtbar wird und der den frühlingshaften Wald erfüllende Drosselgesang allmählich verstummt, dann beginnt allabendlich die Balz der Waldschnepfen.

Die Balz

„Die aus den südwesteuropäischen Winterquartieren zurückgekehrten Schnepfenmännchen gaukeln in einem eulenartigen Suchflug in Höhe der Baumwipfel über Waldwiesen, Jungwaldbestände und Blößen, oft entlang von Bestandesränden und Waldwegen“, berichtet Dr. Jörg Brauneis. 

Dr. Jörg Brauneis vom Jagdverein Hubertus

Dabei lassen sie eine markante Balzstrophe hören, die aus einem zwei- bis viermal wiederholten, dunklen, fast bauchrednerischen „Quorren“ besteht, dem ein hoher, scharfer Doppelton folgt und von den Jägern „Puitzen“ genannt wird.

Der Schnepfenstreich

Jäger und Naturfreunde nennen diese auffällige Balz der taubengroßen Waldschnepfen Schnepfenstrich. In normalen Jahren streichen die ersten Schnepfen bei uns ab Mitte März, die Intensität der in der Morgen- und Abenddämmerung stattfindenden Balzflüge erreicht etwa Mitte April ihren Höhepunkt. 

Balzflüge der Schnepfen können aber bis nach der Sommersonnenwende beobachtet werden.

Die Historie

In früheren Jahrhunderten wurde der Beginn des Schnepfenstrichs als untrügliches Zeichen des beginnenden Frühjahrs von der Landbevölkerung sehnsüchtig erwartet. „So war es im ehemaligen boyneburgischen Gericht Netra üblich, dass der glückliche Erleger der ersten Schnepfe aus der Hand des Gerichtsherrn einen Schnepfendukaten erhielt“, weiß Dr. Jörg Brauneis. 

Das Fleisch der erlegten Vögel galt als Delikatesse und ist seit der Zeit Philipp des Großmütigen (1504 bis 1567) ein fester Bestandteil der landgräflichen Küchen in Hessen gewesen.

Die Brut

An den Balzflügen beteiligen sich fast ausschließlich die Männchen, während die Weibchen in dichter Vegetation am Boden sitzen und ein leises Puitzen als Lockruf ertönen lassen. 

„Ab Mitte April brüten die Vögel, wobei nach einer dreiwöchigen Brutzeit vier Jungvögel schlüpfen, die bereits nach einem Monat voll flugfähig sind und etwa fünf bis sechs Wochen in der Obhut der Mutter verbleiben“, erklärt Dr. Jörg Brauneis. 

Bei Gefahr für das Gelege oder die Jungen verleiten die Altvögel, indem sie wie ein kranker, leicht zu erbeutender Vogel schwerfällig vor dem Feind herflattern. Außerdem ist belegt, dass Schnepfenweibchen in der Lage sind, die Jungen durch Einklemmen zwischen den Beinen wegzutragen.

Der Lebensraum

Als Lebensraum bevorzugen die Schnepfen geschlossene, bodenfeuchte, reich strukturierte Mischwälder, wo sie mit ihrem langen Schnabel im weichen Waldboden leicht an ihre Hauptnahrung, die Regenwürmer, gelangen können. 

Die Mittelgebirgswälder Hessens, besonders die Eichenwälder des Werralandes wie im Schlierbachswald oder die reich strukturierten Fichtenwälder auf dem Plateau des Hohen Meißners gelten seit alters als sehr gute Schnepfenreviere. 

Die naturnahe, forstliche Bewirtschaftung der Wälder kommt den Lebensraumansprüchen der Schnepfen sicher sehr entgegen.

15 Millionen Waldschnepfen in Europa 

Die Frühjahrsjagd auf die streichenden Schnepfen, früher der erste Höhepunkt des neuen Jagdjahres, ist seit dem Jahr 1977 in Hessen verboten. Wildbiologen schätzen den Bestand der Waldschnepfe in Europa zur Zugzeit auf über 15 Millionen Exemplare, und dies seit vielen Jahren ohne große Veränderungen. 

Das zeigt, dass die Schnepfe kein seltener Vogel ist, allerdings entgeht sie durch ihre, außer im Frühjahr, sehr heimliche Lebensweise zumeist der Beobachtung. So bleibt also zu hoffen, dass auch in Zukunft sich Jäger und Naturfreunde an dem Schauspiel des Schnepfenstrichs erfreuen können. 

Wohl kaum jemand wird sich der Faszination der balzenden Schnepfen am abendlichen Himmel im frühlingshaften Wald entziehen können.

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