Vor 75 Jahren

So endete der Zweite Weltkrieg am 3. April 1945 in Eschwege

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Lisa Schmitz beim Abtransport von Habseligkeiten: Im Hintergrund sieht man die gesp rengte Werrabrücke. 

Heute (Freitag) vor 75 Jahren befreiten US-Truppen die Kreisstadt Eschwege von den Nazis. Wir schildern die Ereignisse vom 3. April 1945 anhand historischer Aufzeichnungen.

1945 – die letzten Tage im März, Anfang April, die Osterfeiertage standen vor der Tür. In weiten Teilen des Landes tobten Gefechte, verloren noch viele Soldaten ihr Leben. In der vom Nationalsozialismus schon so gut wie befreiten Kreisstadt Eschwege ging es da schon etwas ruhiger zu. Die Bevölkerung stellte sich dennoch die bange Frage: Was kommt auf uns zu, was wird aus uns, wie werden sich die Sieger verhalten? 

Denn Eschwege mit mehreren Werraübergängen in Richtung Thüringen war zum Brückenkopf und damit als verteidigungswürdig erklärt worden. Die Sorge war unbegründet. Die Stadt wurde am 3. April nach einer fast unblutigen Übergabe von amerikanischen Truppen besetzt, die beim Einzug in Eschwege keinerlei Widerstand brechen mussten.

Der Tag der Befreiung in Eschwege

Dienstag, der 3. April 1945, war ein ereignisreicher Tag. Gegen 6 Uhr früh flog die Eisenbahnbrücke der Kanonenbahn in die Luft, gegen 9 Uhr folgte die erste, wenig später die zweite Werrabrücke. Die letzten verzweifelten Versuche, den anrückenden Amerikaner den Weg nach Osten zu verbauen. Die ersten US-Panzer wurden um 7 Uhr aus Richtung Niederhone gemeldet, wo sie nur in Höhe des Flugplatzes vereinzeltes Gewehrfeuer versprengter Truppenreste empfing, das die Panzer natürlich nicht aufhielt.

Am 3. April 1945 rollten die ersten US-Panzer aus Richtung Niederhone kommend in Eschwege ein.

Über die Bahnhof- und die Friedrich-Wilhelm-Straße war gegen 10 Uhr die Innenstadt erreicht. Aus Richtung Reichensachsen rollte ein weiter Trupp auf die Stadt zu, der vom Galgen einige Warnschüsse abgab, die in der Reichensächser Straße zwei Häuser in Brand setzten. Gegen 14 Uhr erfolgte im Rathaus die offizielle Übergabe der Stadt an den neuen Militärregierungs-Offizier Major Weißenberger, der sein Quartier im Gebäude des Amtsgerichtes einrichtete, in das später auch Weißenbergers Nachfolger einzogen. Bürgermeister Dr. Beuermann erklärte den US-Offizieren, dass sich keine Soldaten mehr in der Stadt befinden, die Stadt nicht verteidigt wird.

Kein Widerstand in Eschwege

Alle Verhandlungen verliefen in Ruhe, mit Disziplin und ohne große Schießereien. Viele Eschweger Bürger, die sich beim Einmarsch der Amerikaner und in Erwartung eines Beschusses vorsichtshalber in Luftschutzkeller zurückzogen, staunten, als sie die Schutzräume verließen und hörten, dass die Amerikaner schon auf dem Marktplatz stünden und an die Kinder Schokolade und Kaugummi verteilten.

Ehrenbürger Heinz Bührig erlebte den Einzug als junger Bursche: „Auf dem Weg zurück in unsere Wohnung mussten wir am Stadtpark durch eine Gasse von Panzern laufen. Hier sah ich zum ersten Mal einen dunkelhäutigen Amerikaner, der auf einem Panzer saß und uns anlächelte“. Die Familie Bührig kam auch an einem am unteren Stad brennenden Panzer vorbei, den deutsche Soldaten wegen eines Schadens stehen gelassen und in Brand gesteckt hatten: „Die Munition explodierte und es qualmte mächtig“.

„Glücksfall“ General Schellert

Zu schweren Kampfhandlungen kam es in Eschwege insgesamt nicht. Schon am 25. März war der General der Infanterie Otto Schellert als Kampfkommandant für Eschwege eingesetzt worden. Das war für die Stadt, wie der Historiker Herbert Fritsche schrieb, „ein Glücksfall“. Otto Schellert, ein verantwortungsbewusster Mann, dem es nicht um blinde Pflichterfüllung ging, lehnte jede Kampfhandlung zur Verteidigung ab, bewahrte damit Eschwege vor einer möglichen Zerstörung.

War Kampfkommandant: Otto Schellert.

Einige Jahre später erklärte Otto Schellert in einem Bericht an den Eschweger Bürgermeister Dr. Walter Thom seine damalige Handlungsweise. Außer einigen Volkssturmgruppen, einer nicht für den Endkampf ausgebildeten Nachrichten-Abteilung und der Besatzung des Fliegerhorstes standen Schellert keine Truppen zur Verfügung, um die ihm befohlene „zähe Verteidigung“ Eschweges zu verwirklichen. Diese rund um die Stadt nebst einigen Panzerhindernissen verteilten Gruppen konnten nach Schellerts Meinung zu keinem Zeitpunkt auch nur andeutungsweise eine wirkungsvolle Verteidigungs- und Widerstandslinie bilden. Schellert: „Ich war mir darüber klar, dass die Verteidigung Eschweges schon aus militärischen Gründen eine Unmöglichkeit bedeutet . . . Ich habe mich daher entschlossen, die Stadt nicht zu verteidigen!“. Bei General Schellert siegte die Vernunft über alle Befehle.

Lazarettstadt Eschwege

Auch die Kommandanten der im Schlierbach und in den Wäldern bei Kella stationierten Volksgrenadier-Regimenter ließen sich überzeugen, Eschwege nicht zu verteidigen. Auch der für den Volkssturm verantwortliche Major Schroeder widersetzte sich den Befehlen, fand bei General Schellert Rückendeckung. Von den Amerikanern in seiner Wohnung befragt, warum er den Volkssturm nicht einsetzte, antwortete Schroeder: „Der Krieg war verloren, Eschwege wäre unnötig gefährdet worden“. Schroeders Verhalten würdigte auch der später als Eschweger Bürgermeister eingesetzte Karl Lesch: „Sie haben durch ihr umsichtiges Verhalten dazu beigetragen, die Stadt vor größeren Kriegsschäden zu bewahren“.

Ein anderer Gedanke, warum die Verantwortlichen alle weiteren Kämpfe aus Eschwege heraushalten wollten, wurde diskutiert: In einem im Stadtarchiv vorhandenen Manuskript deutet ein unbekannter Autor an, dass Eschwege „als Lazarettstadt zur sogenannten offenen Stadt erklärt und damit nicht verteidigt werden dürfe“. Tatsächlich wurden an diesen Tagen 1500 deutsche Verwundete im Lyzeum untergebracht und versorgt. Eine andere Maßnahme: 2000 zur Verteidigung der Stadt bestimmte Panzerfäuste und 500 Maschinenpistolen für den Volkssturm wurden nicht angenommen, an andere Stellen weitergeleitet.

Maßregeln während der Besetzung

Eine der ersten Maßregeln, die Major Weißenberger erließ, war eine allgemeine Ausgangssperre für alle Deutschen: Die Straße betreten war verboten, Fenster mussten geschlossen bleiben. Nur vormittags von 8 bis 10 Uhr und nachmittags von 16 bis 18 Uhr durfte man einkaufen. Zahlreiche Häuser mussten für die US-Truppen geräumt werden, die Hausbewohner durften nur das Notwendigste mitnehmen. Alle Banken, die Sparkasse, Postamt, Finanzamt, die Molkerei, die AOK und das Amtsgericht, wo die US-Besatzer ihr „Military-Office“ einrichteten, wurden geschlossen.

Entbehrungsreiche Zeit in Eschwege

Die Bevölkerung musste sich auf eine entbehrungsreiche Zeit einstellen. Erwachsene erhielten bis Ende April wöchentlich 1500 Gramm Brot und 200 Gramm Fleisch, gut 35 Gramm pro Tag. Die Stadtkommandantur versuchte mithilfe unbelasteter Personen, die Mangelwaren gerecht zu verteilen, was aber nicht immer gelang. Der Kampf ums Überleben forderte die Menschen. Tauschgeschäfte mit der Bevölkerung auf dem Lande, die Vorräte hatte, hamstern und organisieren gehörten zum Tagesgeschehen. Diebstähle und Betrügereien nahmen zu, um den Hunger zu stillen. Erst über vier Wochen nach der Besetzung am 7. Mai, wurde das Kriegsende offiziell besiegelt.

Von Siegfried Furchert

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