Erbaut in der Zeit eines Kults

Eschweger Bismarckturm ist Teil der Debatte über Rassismus

Der Bismarckturm in Eschwege wird bei Einbruch der Dunkelheit beleuchtet.
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Hingucker auch am Abend: Seit 2004 wird der Bismarckturm jeden Abend mit Einbruch der Dunkelheit beleuchtet und ist weithin sichtbar.

Der Bismarckturm ist eines der Wahrzeichen der Stadt Eschwege. Durch die Black-Lives-Matter-Diskussion sind auch die Bismarck-Denkmäler kritisch beäugt worden. Wir beleuchten die Situation in Eschwege.

Für viele Eschweger ist der Bismarckturm ein Symbol der Heimat. Der 26 Meter hohe Turm auf dem Großen Leuchtberg (319 m) ist weithin im Eschweger Becken sichtbar. Egal aus welcher Himmelsrichtung man nach Eschwege hereinfährt, ist der Turm schon zu erkennen, bevor man überhaupt das Ortsschild erreicht.

Der Name des Turms ist jetzt aber in die Diskussion geraten. Durch die Unruhen nach dem Tod des Afroamerikaners George Floyd in Minneapolis, der durch eine gewaltsame Festnahme getötet wurde, ist die Black-Lives-Matter-Bewegung auch nach Deutschland geschwappt und hat eine Diskussion über Rassismus, Polizeigewalt und eben die zahlreichen Bismarck-Denkmäler entfacht. Der Vorwurf: Mit den Bismarck-Denkmälern ehrt man auch den Kolonialismus, der für die Ausbeutung von Schwarzen gesorgt hat.

Ein Blick in die Eschweger Geschichte:

Der Bau des Turms

Die Initiative für den Bau dieses Turmes ging vom damaligen Vorsitzenden des Werratalvereins, Dr. Wilhelm Brill aus. Bereits Ende des 19. Jahrhunderts gab es nach Recherchen des Eschweger Historikers Herbert Fritsche Bestrebungen, einen Aussichtsturm auf dem Hausberg der Eschweger zu errichten.

Zusammen mit Bürgermeister Heinrich Vocke brachte der Werratalverein das Projekt auch finanziell auf den Weg.

Drei Jahre nach dem Tod des Reichskanzlers Otto von Bismarck war ein Name gefunden, 1903 wurde der Turm eingeweiht. Der Aussichtsturm wurde an der Stelle eines mittelalterlichen Wartturmes nach einem Entwurf des Kreisbaumeisters Hans Behrendt aus Eschwege aus Sandstein gebaut.

Die Grundsteinlegung fand am 23. Juni 1902 statt, die Kosten beliefen sich auf 36 561,51 Mark. Diese Summe wurde hauptsächlich durch Spenden aufgebracht. Unterhalb der zweiten Aussichtsplattform zieht sich rund um den Turm eine in Stein gehauene, vielseitig interpretierbare Inschrift: „Bismarck zur Ehre, Zukünftigen zur Mahnung, Lebenden zur Freude, Vergangenen zum Gedächtnis“.

Der Turm als Aussichtspunkt

Der Eschweger Bismarckturm aus Sandstein hat einen Sockel mit quadratischem Grundriss von 64 Quadratmetern. Er ist etwa 26 Meter hoch. Insgesamt führen 109 Treppenstufen hinauf. Der Turm hat drei Aussichtsplattformen, auf denen man in jede Himmelsrichtung die Aussicht in das Eschweger Becken mit Eschwege und dessen Umgebung genießen kann: im Norden bis in das Eichsfeld, im Osten bis zum Heldrastein, im Südosten zum nahen Schlierbachswald, im Süden bis zur Boyneburg und im Westen bis zum Hohen Meißner.

Bismarck-Denkmäler stehen an vielen Orten in Deutschland

Bismarck-Denkmäler wurden seit 1868 zu Ehren des langjährigen preußischen Ministerpräsidenten und ersten deutschen Reichskanzlers Otto Fürst von Bismarck an vielen Orten des damaligen Deutschlands errichtet. In den meisten Fällen waren es Statuen oder Türme. Die Bismarck-Denkmäler waren sichtbarster und dauerhaftester Ausdruck der Bismarckverehrung bzw. des Bismarck-Kults, der sich nach seinem Tod 1898 nochmals verstärkte.

„Um den Bau der Denkmäler zu verstehen, muss man sich den damaligen Zeitgeist vor Augen halten“, sagt die Eschweger Stadtarchivarin und Historikerin, Dr. Annika Spilker. Wann genau die Verehrung für den Reichseiniger einsetzt, lässt sich schwer datieren.

Schon während der aktiven Zeit als Kanzler huldigt ihm das Volk – manchmal mehr als dem ersten Kaiser Wilhelm. Nach Bismarcks Entlassung durch Wilhelm den Zweiten im März 1890 nimmt die Verehrung kultische Züge an. Sie erreicht einen ersten Höhepunkt zum 80. Geburtstag 1895 und wird nach seinem Tod verstärkt.

„Für die Eschweger hatte Bismarck eher als Macher der deutschen Einheit Bedeutung“, sagt Spilker. „Für sie war die Nationalstaatsbildung sein Verdienst.“ Nach Aufzeichnungen von Herbert Fritsche spielten vor Ort auch finanzielle Aspekte eine Rolle. Er schreibt im Eschwege-Lexikon: „Mit der Bezeichnung Bismarckturm war ein Name gefunden, der gleichermaßen die Herzen wie die Geldbeutel öffnete.“

Von 240 Bismarcktürmen und -säulen stehen auf dem heutigen Gebiet von Deutschland, Frankreich, Tschechien, Polen, Russland, Österreich, Kamerun, Tansania und Chile noch 173 Bauwerke. In der Bundesrepublik Deutschland sind noch 146 von ehemals 184 Türmen erhalten.

Zeichen aus der Kolonialzeit in der Kritik

Nach Protesten in ganz Europa gegenüber Denkmälern mit rassistischem Bezug Mitte Juni wurde in Deutschland über den Umgang mit Statuen von Herrschern aus der Kolonialzeit diskutiert. Aus Sicht der Initiative Berlin Postkolonial ist es mit einem bloßen Abbau von Denkmälern mit kolonialem Bezug in Deutschland aber nicht getan.

Für Eschweges Bürgermeister Alexander Heppe ist der Bismarckturm in erster Linie ein Symbol in der Eschweger Landschaft. „Besonders bedeutsam ist der Turm als Landmarke“, sagt Heppe. Nichtsdestotrotz müsse man sich kritisch mit Bismarck und seiner Rolle in der Geschichte auseinandersetzen.

Ähnlich sieht es die Initiative „Bunt statt Braun“, die sich im Werra-Meißner-Kreis gegen Rassismus einsetzt. Der Sprecher des Vorstands, Andreas Heine, sagt, dass man über den Namen des Turms durchaus diskutieren könne. Das wäre Aufgabe des Stadtparlaments.

Heine schlägt vor, am Bismarckturm eine Zusatztafel anzubringen, die sich inhaltlich mit der Rolle Bismarcks in der Kolonialzeit auseinandersetzt. „Eine Umbenennung des Eschweger Bismarckturms bringt uns in der Debatte um Rassismus aber nicht weiter“, sagt Heine

Otto von Bismarcks Rolle in der Kolonialzeit

Nach Recherchen der Bundeszentrale für Politische Bildung (BPB) war Otto von Bismarck selbst kein Kolonialenthusiast. Das betonte er immer wieder. „Die Kosten, welche die Gründung, Unterstützung und namentlich die Behauptung der Colonien veranlaßt, übersteigen (…) sehr oft den Nutzen, den das Mutterland daraus zieht, ganz abgesehen davon, daß es schwer zu rechtfertigen ist, die ganze Nation zum Vortheile einzelner Handels- und Gewerbszweige, zu erheblichen Steuerlasten heranzuziehen.“ Und weiter: „Solange ich Reichskanzler bin, treiben wir keine Kolonialpolitik.“

Otto von Bismarck war von 1971 bis 1890 Reichskanzler.

Dennoch war nach und nach ein deutsches Kolonialreich entstanden, hatte Bismarck selbst die Aufteilung Afrikas unter den europäischen Mächten befeuert und mit der Berliner Afrika-Konferenz deren völkerrechtliche Absicherung in die Wege geleitet. Über die Gründe sind sich Historiker nach Angaben der BPB nicht einig.

Entgegen seiner bereits zitierten Abneigung gegen koloniale Abenteuer erklärte das Deutsche Reich in den Jahren 1884/85 Togo, Kamerun, Deutsch-Südwestafrika, Deutsch-Ostafrika und Deutsch-Neuguinea zu eigenen Schutzgebieten.

Mit Ausnahme kleinerer Besitzungen in der Südsee sowie Kiautschou (1897) und Deutsch-Samoa (1899) war damit das deutsche Kolonialreich in wenigen Monaten komplettiert und Bismarck Geburtshelfer.

Über die Motive Bismarcks für diesen abrupten Kurswechsel ist viel gerätselt worden. Die Autoren der Bundeszentrale für politische Bildung nennen die Erfüllung des Wunsches konservativer Wirtschaftskreise, vor allem aus Ostelbien ebenso wie „Sozialimperialismus“ als Gründe.

Von der wachsenden Kolonialbegeisterung im Deutschen Reich ließ sich Bismarck indes nicht anstecken. „Für die Menschen in Afrika oder der Südsee sind seine Motive von untergeordnetem Interesse: Sie wurden zu Opfern europäischer Rivalitäten und Machtkämpfe“, schreibt die BPB.

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