Aufzeichnungen eines Pfarrers

Erinnerungen an Kriegsende 1945: Nach dem Gottesdienst rollten die Panzer

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Am 3. April 1945, dem ersten Ostertag, traf sich die Gemeinde der Neustadt zum letzten Gottesdienst (hier eine Postkarten-Luftaufnahme aus 1940). Stunden später rollten die ersten US-Panzer in Eschwege ein.

Im April 1945, als vor 75 Jahren an den Ostertagen der Krieg zu Ende ging, fand das kirchliche Leben in Eschwege unter veränderten Bedingungen statt

Die Kirchen an den Ostertagen 2020 waren zwar geöffnet, aber es gab keine Gottesdienste. Wegen der aktuellen Krise gestaltete sich das kirchliche Leben in Eschwege und im Werra-Meißner-Kreis einmal ganz anders. Die Gläubigen aller Konfessionen feierten die Oster-Gottesdienste wegen der Ausgangsbeschränkungen im Fernsehen, im Internet und am Radio.

Auch im April 1945, als vor 75 Jahren an den Ostertagen der Krieg zu Ende ging, fand das kirchliche Leben in Eschwege unter veränderten Bedingungen statt. Wie die Neustädter Kirchengemeinde diese Zeit verbrachte, ist aus Aufzeichnungen des damaligen Pfarrers Johannes Geß bekannt, die Pfarrer i.R. Heinrich Mihr der Werra-Rundschau zur Veröffentlichung zur Verfügung stellte.

Pfarrer Johannes Geß

Johannes Geß war von 1937 bis 1956 an der Neustädter Kirche zunächst als Pfarrer, später als Propst, und nach der Eschweger Zeit noch als Propst in Kassel tätig. Heinrich Mihr bedauert, dass Johannes Geß in den Notizen nichts über das Schicksal der jüdischen Bürger Eschweges schreibt. Heinrich Mihr: „Geß stand aber nicht allein. Es war in den 1950er-Jahren in Deutschland weithin üblich, diesen Teil der Erinnerungen auszuklammern. Dies war leider auch in der Kirche so“.

Die Neustädter Kirche: Eine Aufnahme des eindrucksvollen Innenraums.

Das kirchliche Leben, so Pfarrer Geß in seinen Aufzeichnungen, wurde in Kriegszeiten auch dadurch beeinträchtigt, dass Pfarrer Wintzer den ganzen Krieg über als Divisionspfarrer abwesend, Pfarrer Hochhuth zeitweise eingezogen und der damalige Kreispfarrer Wepler 1943 verhaftet und „wegen geäußerter Feindschaft gegen den Nationalsozialismus und Kritik an der Wehrmachtsführung verurteilt und erst nach dem Zusammenbruch aus dem Zuchthaus Ziegenhain entlassen wurde“.

In Gedenkgottesdiensten Gefallenen gedacht

Johannes Geß weiter: „Trotz allen Misstrauens staatlicherseits konnten doch noch einige große Veranstaltungen durchgeführt werden“. So wurden in Gedenkgottesdiensten jedes Mal zehn bis 20 Gefallenen gedacht. „Für die Leidtragenden war es aber schmerzlich, kein Grab schmücken zu können.“ Deshalb wurde im Vorraum der Kirche ein Holzkreuz errichtet, unter dem Kränze und Blumen niedergelegt werden konnten.

Für Pfarrer Geß waren die häufigen Alarme „eine rechte Last“. Er hatte Anweisung, bei jedem Alarm die Kirche zu öffnen, damit man vom Turm aus Brände der Eschweger Fachwerkhäuser schneller entdecken konnte. Die Gottesdienste wurden selten gestört. Einmal musste eine Konfirmation kurz unterbrochen werden und auch die Abendmahlsfeier am Karfreitag 1945 wurde von Tieffliegern kurz gestört.

Der wichtigste Tag

Ostersonntag, der 3. April 1945, war ein ganz wichtiger Tag. Pfarrer Geß: „Das Ende kam für viele überraschend. Wir konnten an diesem Ostersonntag 1945 aber sogar noch den Oster-Gottesdienst halten“.

Aber dann, gegen 13 Uhr, rollten die ersten US-Panzer in Eschwege ein. Da sie auf keinen Widerstand trafen, gab es keinerlei Kampfhandlungen. Gegen 14 Uhr übergab Bürgermeister Dr. Beuermann die Stadt an die Amerikaner.

In den folgenden Tagen und Monaten fiel der Kirche die Aufgabe zu, die Kindergartenarbeit, die ganz in Händen der NSV lag, neu zu organisieren. Johannes Geß: „Wir mussten die vielfach noch vom NS-Geist beeinflussten Kindergärtnerinnen an die Aufgabe einer christlichen Erziehung heranführen“.

Kindergarten an der Mauerstraße wiedereröffnet

Der Kindergarten in der Mauerstraße wurde wiedereröffnet, ein zweiter im Felsenkeller an der Reichensächser Straße tat gute Dienste. Erfreut war die Kirche auch darüber, dass das Gemeindehaus in der Boyneburger Straße, das als Lazarett gedient hatte, wieder freigegeben wurde und für die Gemeinde wieder zugänglich war. Viele Gemeindemitglieder hatten darauf gewartet, um ganz langsam wieder in ein normales Leben zurückzukehren.

Von Siegfried Furchert 

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