Integration durch Selbsterfahrung

Reaktionen gefilmt: Acht Frauen schlüpfen in arabischen Mantel mit Kopftuch

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Selbstversuch gefilmt: Frauen jeglicher Nationalität, Glaubens und Herkunft haben die Abayas übergestreift und sich im Eschweger Stadtbild sehen lassen.  

Für die Videodokumentation "The Abaya Walk" sind acht Frauen in den arabischen Mantel Abaya geschlüpft. Die Reaktionen auf ihren Gang in die Öffentlichkeit wurden gefilmt. 

Die Bar des Seelenhauses „Checkpoint Charly“ fungiert kurz vor der Premiere des Videos über das Eschweger Experiment „The Abaya Walk – Abaya ist nur ein Kleid“ als Umkleide. Tanja Wild und Samah Al Jundi-Pfaff sowie sieben weitere Frauen ziehen sich einen schwarzen, an Ärmeln und Säumen mit Borten verzierten Mantel über Hose und Sweatshirt. Ein Kopftuch, kunstvoll über die Haare drapiert, komplettiert das Erscheinungsbild einer arabischen Frau, der Abaya, ohne die keine Frau in Iran, Saudi Arabien und Syrien auf die Straße gehen sollte.

So bekleidet präsentieren sie sich majestätisch und würdevoll dem Publikum. Bereits zehn Minuten vor Beginn der Premiere ist es mucksmäuschenstill im gemütlichen, mit Sesseln und Sofas gestalteten, gut besuchten Ausstellungsraum.

Die Idee

Tanja Wild erklärt, dass sie auf die Projektidee über ihre muslimische Freundin kam, die immer Kopftuch trägt, was häufig zu Diskussionen führt und Unverständnis oder Ablehnung erzeugt. Die Auseinandersetzung mit einer Kunstausstellung über die Verschleierung von Frauen mündete in der Idee, selbst ein Gewand zu tragen und sich darin in der Eschweger Öffentlichkeit zu zeigen.

„Ich habe schon deutlich wahrgenommen, dass die Aktion von einigen ganz positiv aufgenommen wird, aber bei vielen sehr auf Ablehnung stößt, sogar als bedrohlich eingeschätzt wird. Das war das Spannende für mich.“

Die Darstellerinnen

Die Muslima Samah Al Jundi-Pfaff begleitet das Projekt, dem sich Ina Burtchen, Birgit Broitzmann, Brigitte Kühl, Isabel Gomes-Leps, Wiebke Plett, Hanna Scotti und Sigrun Thönges anschlossen. Birgit Broitzmann hatte ein Jahr in Saudi Arabien gelebt und besitzt eine Sammlung von wunderschönen Abayas, die sie für die Performance zur Verfügung stellte.

Die Reaktionen

In der Videodokumentation des Medienwerks Werra Meißner über den „Walk der acht Frauen in Abayas in Eschwege“ berichten sie über ihre Erfahrungen von Begegnungen mit Bekannten oder beim Eiskauf in der Eisdiele, beim Betreten von Geschäften und wie die Eschweger auf sie reagieren. Sie ernten Blicke der Ablehnung, der Verunsicherung, der Bewunderung, der Verwunderung. Kommen sie auf der Straße mit Passanten ins Gespräch, ist eigentlich schnell alles ganz normal. Für die Beteiligten war es eine „wohltuende, positive Erfahrung“. Sie konnten sich in muslimische Frauen einfühlen und ihnen Respekt entgegenbringen.

Die Diskussion

In der anschließenden, lebhaften, teils kontroversen Publikumsdiskussion wurde die Bewunderung des Publikums gegenüber dem Experiment der acht Frauen deutlich. Das Experiment sollte allerdings keine Werbung für das Tragen einer Abaya sein. Hanna Scotti plädiert für Integration durch Selbsterfahrung wie in dieser Performance. „Ich kann mich selbst nur verändern, wenn ich selbst Erfahrungen mache. Das erweitert meine Sicht auf die Welt und ich kann mich verändern! Wir sollten miteinander immer ins Gespräch kommen.“ So fügt sich dieses Projekt als Beitrag für die Integration von ausländischen und Eschweger Bürgern gut in die interkulturelle Woche des Werra-Meißner-Kreises ein.

Weitere Vorführungen

Der Film ist im Seelenhaus 2.0 in der Gebrüderstraße 1-3 in Eschwege noch bis zum 9. November zu sehen. Der Eintritt ist frei. Öffnungszeiten: donnerstags und freitags von 15 bis 19 Uhr, samstags von 11 bis 20 Uhr, sonntags von 11 bis 18 Uhr. 

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