Nachkriegszeit in Nordhessen

Eschwege nach dem Krieg: So lebten die Menschen in den 50er Jahren

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Nach Kriegsende musste auch in Eschwege Aufbauarbeit geleistet werden. Hier wird Ende der 1940er-Jahre eine neue Kanalisation in der Forstgasse verlegt.

Die Stadt Eschwege will die Nachkriegszeit historisch aufarbeiten. Historische Fotos und Berichte lassen erahnen, wie es den Menschen in dieser Zeit des Umbruchs und des Aufbaus ergangen ist.

Beim Gedanken an die Fünfzigerjahre tauchen Stereotypen auf: Wirtschaftswunderzeit, strahlende Hausfrauen, Anzug tragende Familienoberhäupter und der VW-Käfer auf dem Brenner in Richtung Italien. Doch die Nachkriegszeit in und um Eschwege war mehr als Klischees und ist auch untrennbar mit der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre verbunden, wie Dr. Annika Spilker, Stadtarchivarin von Eschwege, sagt. Auch wenn man Eschwege exemplarisch für viele Kleinstädte in Deutschland nehmen könne, sei nicht immer alles rosig gewesen.

Eschwege nach Kriegsende

Wie überall in Deutschland wollte man auch in Eschwege möglichst schnell mit dem Dritten Reich abschließen, glaubt Dr. Spilker. Die vergangenen zwölf Jahre Nazi-Herrschaft waren aber auch in Eschwege und Umgebung gegenwärtig. Von den zurückweichenden Wehrmachtstruppen gesprengte Brücken mussten etwa wieder aufgebaut werden, von der Eschweger Forstgasse existieren Fotos, auf denen der Wiederaufbau der Kanalisation zu erkennen ist, wie Dr. Thilo F. Warneke, Kurator der Wanderausstellung „Wir in den 50ern – Leben an Werra und Meißner“ beschreibt.

Auf dem Wanfrieder Kalkhof wurde am 17. September 1945 die endgültige Demarkationslinie zwischen Ost und West von Russen und Amerikanern ausgehandelt. Die ehemals hessischen Dörfer Sickenberg, Asbach, Vatterode, Weidenbach und Hennigerode wechselten in den sowjetischen Machtbereich, Neuseesen und Werleshausen in den amerikanischen.

Spätheimkehrer: Tausende freigelassene Gefangene aus den sowjetischen Straflagern wurden auf dem Marktplatz in Eschwege herzlich begrüßt.

Nach Kriegsende blühte der Schwarzmarkt, der erst mit Einführung der D-Mark am 20. Juni 1948 beendet wurde. Wirtschaftlich ging es der Region nicht gut. Insbesondere der Altkreis Eschwege verlor mit der Zonengrenze den Zugang zu seinem traditionellen Absatzgebiet im Eichsfeld. 1950 waren im Altkreis Eschwege 30,5 Prozent der Menschen arbeitslos gemeldet, wie der Historiker Dr. Thilo Warneke schreibt.

Und weiter: „Zur Wohnungsnot kam erschwerend eine schlechte Ernährungslage hinzu. Auf eine geringe Ernte 1946 folgte ein schneereicher und frostiger Winter, den ein lang andauernder, sehr heißer und trockener Sommer im Jahr 1947 ablöste. Die tägliche Kalorienmenge musste mehrfach gesenkt werden und erreichte mit ca. 1000 Kalorien ihren Tiefststand. Um Tausende vor dem Hungertod zu retten, versorgte das amerikanische Militär die Bevölkerung mit hochwertigen Armeerationen.“

Entnazifizierung in Eschwege: Alt-Nazis in der Schule

Insbesondere in der amerikanischen Besatzungszone wurde konsequent gegen Kriegsverbrecher und Nazis vorgegangen. In den Städten wurden ab 1946 sogenannte Spruchkammern eingerichtet, die die Schuldigen der NS-Zeit in mehrere Kategorien einteilten. In Eschwege war die Spruchkammer zunächst im Amtsgericht, später im Behördenhaus an der Goldbachstraße (heute Amt für Bodenmanagement) untergebracht. Unbelastete Laienrichter besetzten die Spruchkammern.

Die ersten beiden Gruppen, „Hauptschuldige und Belastete“, die mit Gefängnisstrafen und Arbeitslager belangt wurden, machten am Ende etwa 1,4 Prozent der Verurteilten aus. Die Mehrheit wurde als Mitläufer eingestuft.

Wie der Eschweger Historiker Herbert Fritsche in seinem Eschwege-Lexikon schreibt, mussten die Beschuldigten ihre Unschuld beweisen. Die Angeklagten ließen sich daraufhin gerne sogenannte Persilscheine von unbelasteten und anerkannten Bekannten ausstellen, um ihr „Saubermann-Image“ zu belegen. 1951 wurden die Spruchkammern abgeschafft.

In den Schulen hatten trotz aller Säuberungen immer noch viele Alt-Nazis das Sagen. Giesela Fischbuch aus Sontra erinnert sich in einem Interview mit Warneke, dass ihr Lehrer jedes Jahr vier Wochen vor dem Volkstrauertag das Lied „Ich hatt’ einen Kameraden“ singen ließ. Rudolph Riemann aus Rommerode musste auch nach dem Krieg noch die NSDAP-Hymne, das „Horst-Wessel-Lied“, singen.

Spätheimkehrer aus dem Krieg werden in Eschwege frenetisch gefeiert

Nach 1953 wurden die letzten deutschen Gefangenen aus sowjetischen Lagern entlassen. Eschwege nahm dabei eine zentrale Rolle ein. Die Spätheimkehrer wurden vom damaligen Zonenkontrollpunkt in Herleshausen über Eschwege in das Durchgangslager nach Friedland gebracht. Menschenmassen säumten die Straßen und bejubelten die Busse frenetisch, in jedem Dorf wurde angehalten. Tausende warteten auf dem Eschweger Marktplatz auf die Männer. „In Eschwege stand eine Hundertschaft des BGS Spalier, die Blumensträuße statt Karabiner trugen“, erinnert sich ein Zeitzeuge bei Historiker Guido Knopp an den Herbst 1953. Das Schauspiel wiederholte sich im Oktober 1955 letztmalig.

Flüchtlinge lassen die Bevölkerung in Eschwege stark wachsen

Im April 1946 trafen die ersten Heimatvertriebenen ein, in den nächsten Monaten folgten weitere Transporte. Um die Flüchtlinge und Heimatvertriebenen unterbringen zu können, wurde die ortsansässige Bevölkerung angewiesen, Wohnraum, Mobiliar und Geschirr zur Verfügung zu stellen. „Dass es zu Reibereien und Streit zwischen Alteingesessenen und Neubürgern kam, kann nicht verwundern, aber es blieb bei Einzelfällen“, sagt Dr. Thilo F. Warneke.

Einige Zahlen verdeutlichen das Ausmaß der Wohnungsnot: Vor dem Krieg lebten in beiden Altkreisen zusammen etwa 89 000 Menschen, bis 1950 kamen rund 40 000 Flüchtlinge und Heimatvertriebene hinzu. Die Situation entspannte sich erst im Verlauf der 50er- Jahre, als sich viele von ihnen ein Haus bauen konnten oder in Ballungsgebiete abwanderten.

Das Wirtschaftswunder kommt spät nach Eschwege

Noch Anfang der 1950er-Jahre herrschte hohe Arbeitslosigkeit mit einer Quote von 30,5 Prozent. Um die Arbeitslosigkeit zu senken und ein weiteres Abwandern der Bevölkerung in westliche Ballungszentren zu verhindern, wurden staatliche Fördermittel für Investitionen zur Verfügung gestellt. Damit ließ sich die Zahl der Beschäftigten deutlich erhöhen. Auch für einen Schulabgänger war es Mitte der 1950er-Jahre nicht so einfach, eine Lehrstelle zu bekommen. Das waren geburtenstarke Jahrgänge und es kamen noch die Flüchtlingskinder hinzu. „Meine Mutter kannte die alte Chefin einer Eisenwarenhandlung. Die hat sie praktisch angebettelt, mich als Lehrjungen zu nehmen. Es gab ja noch viele andere Bewerber“, erinnert sich Karl-Heinz Kessler.

Bauboom: 1954 wurde mit dem Westring die Bebauung des Heubergs gestartet.

Aber es machten auch neue Firmen auf. Schon 1945 produzierte Orion im Werk in Eschwege Busse und Schienenfahrzeuge. Im Juni 1956 wurde die Fabrik allerdings schon wieder geschlossen. Kurz zuvor (1954) verlegte Massey Ferguson die Produktion von Mähdreschern nach Eschwege und beschäftigte hier zeitweise über 2000 Menschen.

Elektrische Geräte, die heute zum Standard eines Haushalts gehören, waren zu Beginn der 1950er-Jahre noch selten. Es gab weder Kühlschrank, Herd noch Backofen oder andere Küchengeräte, die mit Strom betrieben werden. Fernsehgeräte setzten sich auch nach der WM 1954 noch nicht wirklich durch. Fast so selten wie Fernsehgeräte waren Autos: Kaum einer der Elterngeneration konnte oder wollte sich ein Auto leisten. Berthold Gleim aus Niederdünzebach, der heute in Schwebda lebt, erinnert sich: „Mein Vater hat sich 1957 einen Opel Rekord gekauft, obwohl er keinen Führerschein hatte. Er ließ sich von mir und meinem Bruder fahren.“

Strukturwandel in Eschwege: Mit dem Aufschwung kommt der Wohnungsbaud

In den späteren 1950er-Jahren setzte nach Erkenntnisse von Dr. Annika Spilker ein Strukturwandel in Eschwege ein. Es entstanden zahlreiche Neubaugebiete. Am Westring und im Löfflersgrund wurde Haus an Haus gebaut, der Heuberg entstand Stück für Stück. „Noch zu Beginn des Jahrzehnts waren da Felder und nur ein einziges Haus zu sehen“, erinnert sich der Eschweger Historiker York-Egbert König. Später entstanden hier für die Arbeiter von Massey-Ferguson Wohnblocks, eine Schule und Kirchen – ein eigener Stadtteil war geboren.

Auf der Struth wurden ebenfalls eine Kirche und eine Schule errichtet. Außerdem bekam die Stadt 1957 ein Freibad, später ein Hallenbad (1968).

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