Interview

„Täterarbeit ist Opferschutz“: Männerberater Ralf Ruhl von der Awo Werra-Meißner über häusliche Gewalt

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Bei mehr als 82 Prozent der Taten sind Frauen betroffen: Partnerschaftsgewalt kommt laut Forschungsergebnissen in allen Gesellschaftsschichten vor. 

Eschwege. Im Werra-Meißner-Kreis werden in der Polizeistatistik jedes Jahr rund 160 Fälle von häuslicher Gewalt erfasst. Wir sprachen mit Ralf Ruhl von der Awo Werra-Meißner über die Arbeit mit den Tätern.

Fast 140.000 Fälle von Gewalt in der Partnerschaft wurden nach den kürzlich veröffentlichten Zahlen des Bundeskriminalamts vergangenes Jahr in Deutschland angezeigt – in mehr als 82 Prozent der Taten sind Frauen die Opfer. 

Beim Thema häusliche Gewalt wird häufig das Leid der Opfer und Hilfsangebote für betroffene Frauen thematisiert. Müsste man auch mehr über die Täter sprechen?

Ja, denn Täterarbeit ist Opferschutz. Ein Umstand, der oft in der Öffentlichkeit so nicht wahrgenommen wird. Täter sind nicht das personifizierte Böse, sondern in den allersmeisten Fällen selbst in der Kindheit Opfer von Gewalt geworden. Das soll keine Entschuldigung sein, macht aber deutlich wie wichtig es ist, diese Gewaltspirale zu durchbrechen – da setzt meine Arbeit an.

Es heißt immer, Partnerschaftsgewalt komme in allen Gesellschaftsschichten vor. Können Sie das aus Ihrer Erfahrung bestätigen?

Das ist richtig. Vom Geschäftsführer eines mittelständischen Betriebes bis zum Hartz-IV-Empfänger kommen Männer aus sämtlichen gesellschaftlichen Schichten in die Beratung. Allerdings kann man feststellen, dass die Häufigkeit der Taten in bildungsfernen Milieus größer ist. Das hat unterschiedliche Gründe, aber es gibt Studien die belegen, dass gebildete Männer eine höhere Selbstreflexion besitzen und eher dazu neigen sich über Hilfsangebote zu informieren und eise auch anzunehmen.

Gibt es eine klassische Täter-Biografie oder bestimmte Muster, die sich bei allen finden?

Tatsächlich ist die Biografie-Arbeit in Kombination mit der Tatrekonstruktion ein großer Schwerpunkt in der Täterarbeit. Gemeinsam haben die meisten Täter – etwa 80 Prozent –, dass sie selbst in der Kindheit Opfer von häuslicher Gewalt waren – sei es sexuelle Misshandlung, Schläge oder das Erleben von Gewalt zwischen den Eltern. Häufig haben die Täter auch ein alkohol- oder Drogenproblem, wobei der Alkoholismus häufiger vorkommt. Ansonsten handelt es sich um die unterschiedlichsten Biografien. Manche der Männer schaffen es, eine langfristige Beziehung aufrechtzuerhalten, manche schaffen es nicht einmal drei Wochen, manche haben Kinder, manche nicht.

Wie arbeiten Sie konkret mit den Männern?

Die Männer lernen, Verantwortung für ihr Verhalten zu übernehmen. Sie sollen lernen, ihre Wut wieder zu kontrollieren und nicht von ihr kontrolliert zu werden. Ganz wichtig ist, dass wir nicht die Männer an sich ablehnen, sondern nur das gewalttätige Verhalten, dann sind sie auch bereit über ihre Taten zu sprechen. Ich gebe ihnen in der Beratung dann verschiedenes Handwerkszeug mit.

Was kann man sich unter dem Handwerkszeug vorstellen?

Er ist Männerberater bei der Awo Werra-Meißner: Ralf Ruhl.

Zum Beispiel das Wut-Thermometer, bei dem die Männer eine Achtsamkeit für ihre Gefühle entwickeln sollen, in dem sie ermitteln, wann sie aus welchem Grund wütend werden und was sie dagegen tun können. Zudem wird gemeinsam ein Notfall-Plan entwickelt. Dazu gehört, dass sie bei einem Streit nichts in die Hand nehmen sollen, was sie werfen könnten, dass sie sich nah zur Ausgangstür stellen sollen, um nicht in die Verlegenheit zu kommen, den Partner wegzuschupsen, dass sie die Jacke samt Geldbörse und Schlüssel griffbereit an der Tür hängen haben sollen, um schnell gehen zu können, und zu wissen, wo sie hingehen können bis die Wut verraucht ist. Wichtig dabei ist es auch, die Partnerinnen einzubeziehen, damit diese wissen, dass ihr Partner nicht weggeht, weil er sie ablehnt, sondern um Verantwortung zu übernehmen, und damit ausgemacht werden kann, wie der Partner, nachdem er sich beruhigt hat, wieder zurückkommen kann.

Was ist ein Auslöser für Gewalt in Paarbeziehungen?

Die meisten Männer geben an, dass sie provoziert wurden und die Situation dann in Gewalt eskalierte. Das ist aber oft nicht richtig, denn in der Regel schleppen die Männer schon wochenlang Ärger und Probleme mit sich herum – sei es Arbeitslosigkeit, eine Kreditrate die nicht bedient werden konnte oder ein Auffahrunfall – und dann sagt der Partner eventuell irgendetwas, dass die Wut dann auslöst.

Können die Männer sich denn gar nicht vorstellen, was sie ihren Frauen antun?

Jeder Mensch weiß, dass Gewalt nicht richtig ist, aber viele der gewalttätigen Männer geraten so stark in Rage, dass sie das in dem Moment völlig ausblenden – das ist wie eine Art Tunnelblick. Ich versuche in der Beratung, die Männer auf emotionaler Ebene zu erreichen, damit sie verstehen, dass sie ihre Gewalterfahrungen aus der Kindheit an ihre eigenen Kinder weitergeben. Da haben viele dann Tränen in den Augen.

Wie erfolgreich ist die Arbeit mit den Tätern?

Wir haben dazu leider keine Zahlen. Studien belegen, dass etwa ein Drittel so weitermacht wie bisher, ein weiteres Drittel zunächst erreicht wird, aber dann – meistens innerhalb von 48 Monaten – wieder rückfällig wird und bei einem Drittel eine dauerhafte Verhaltensänderung bewirkt werden konnte. Das ist schon ein gutes Ergebnis, vor allem wenn man bedenkt, welche Kosten Gewalt verursachen – darunter fallen Gesundheitskosten durch Verletzungen oder Traumabehandlungen, Polizeieinsätze, Gerichtskosten und vieles mehr. Das zeigt, wie wichtig es ist, diesen Gewalt-Kreislauf zu durchbrechen.

Zur Person

Ralf Ruhl wurde 1957 in Kassel geboren. Er lebt in Göttingen, ist verheiratet und hat zwei Kinder. An das Studium der Germanistik, Publizistik und Soziologie schloss er eine fünfjährige körperpsychotherapeutsche Ausbildung an. Seit 1985 ist er in der Männerarbeit tätig, seit dem Jahr 2014 arbeitet er für die Awo Werra-Meißner.

Service: Die Männerberatung von Ralf Ruhl ist in der Beratungsstelle der Awo Werra-Meißner angegliedert, Beratungen für Männer und Paare finden in Eschwege und Witzenhausen statt. Termine vereinbaren kann man unter der Rufnummer 0 56 51/30 76 20.

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