Corona im Werra-Meißner-Kreis

Innenstadt lahmgelegt: „Es geht um unsere Existenz“

+
Menschenleer: Plötzlich ist die Zukunft ungewiss. Die verwaisten Innenstädte stellen die Geschäftstreibenden vor eine nie da gewesene Herausforderung.

Der Coronavirus im Werra-Meißner-Kreis: „Es ist wie in einem Horrorfilm“, klagt eine Eschweger Einzelhändlerin und beschreibt damit, was vielen ihrer Kollegen durch den Kopf geht.

  • Auswirkungen des Coronavirus werden von allen Seiten besorgt betrachtet
  • Appell der Händler im Werra-Meißner-Kreis: Online beim lokalen Vertreiber bestellen
  • Die neuesten Entwicklungen zu Corona im Werra-Meißner-Kreis im News-Ticker*

Eschwege – Während am vergangenen Montag noch die Innenstadt blühte und Menschen in den Cafés saßen, hat es sich nun, zum Ende der Woche hin, deutlich entleert. „Gut so“, ist der allgemeine Tenor unter den Innenstadt-Anrainern, mit denen unsere Zeitung gesprochen hat. Denn mit der sozialen Zurücknahme und der freiwilligen Isolation aller schwingt die Hoffnung mit, dass wir diese Krise schneller meistern können. Dass dieser Horrorfilm ein baldiges Ende hat.

Corona im Werra-Meißner-Kreis: „Gefährliche Zeit für den Handel“

Mit Sorge beobachtet das Stadtmarketing Eschwege die aktuellen Entwicklungen. „Die Situation, wie sie sich jetzt darstellt, ist gefährlich für unsere Stadt“, erklärt Hartmut Schepp von der Initiative. „Insbesondere die kleinen, inhabergeführten Geschäfte, die in der Hauptsache vom stationären Handel leben, werden Probleme bekommen.“ Aber nicht nur die Händler, insbesondere auch die Angestellten seien stark betroffen, denn Mieten, Abträge und andere fixe Kosten fielen weiterhin an.

Wie sich allerdings die Jobsituation bei manchen entwickelt, sei unklar. „Das alles ist eine Kettenreaktion“, so Schepp. Er selbst betreibt als Augenoptikermeister das Fachgeschäft Brille + Linse am Alten Steinweg. „Wir zählen zum Gesundheitshandwerk und sind verpflichtet, unseren Grundversorgungsauftrag wahrzunehmen.“ Trotzdem rechnet Schepp mit immensen Umsatzeinbußen, weil die Innenstadt sich nach und nach leeren werde.

Corona im Werra-Meißner-Kreis: „Totenstille im Laden“

„Unsere Stammkunden nehmen unsere Online-Angebote an und unterstützen uns“, erklärt Tamara Steinmüller vom Näh- und S toffladen Lüttje Lütt. Täglich steht sie im Geschäft, um die Bestellungen versandbereit zu machen. Wenn möglich, bringt sie die Lieferung direkt an die Haustür. „Es herrscht eine Totenstille im Laden, das ist beängstigend.“

Sorge hat die dreifache Mutter auch, wenn sie an die Zukunft denkt, denn erstens würde der Umsatz, den der Online-Vertrieb generiert, nicht im Ansatz die Ausfälle des stationären Geschäftes auffangen, zweitens laufen die Fixkosten, allen voran die Miete, ja weiterhin. „Kleine Geschäfte wie unseres stehen vor einem Dilemma. Und wenn die Situation länger andauert, werden wir das nicht überleben.“ 

Corona im Werra-Meißner-Kreis: „Online bestellen ja, aber bitte lokal“

Online beim lokalen Händler bestellen: Bücher unterliegen in Deutschland einem Festpreis.

Auch Uwe Heinemann von der Buchhandlung Heinemann setzt auf das Online-Geschäft. „Wir appellieren an unsere Kunden, beim Online-Kauf bevorzugt an die lokalen Anbieter zu denken. Wenn wir diese Krise gemeinsam überleben wollen, müssen wir alle zusammenhalten.“ 

Während er am Mittwoch noch davon ausging, dass er seinen Laden weiterhin geöffnet haben könnte, änderte sich dies bereits am Donnerstag wieder - Online-Bestellungen gehen jedoch weiterhin. 

Corona im Werra-Meißner-Kreis: „Wir haben Angst“

Diese Unsicherheit setzt den Selbstständigen enorm zu, und viele wünschen sich klarere Regeln. „Wir bekommen erst Geld, wenn wir schließen müssen, aber so, wie die Situation gerade ist, weiß niemand genau, was Sache ist. Das bedroht unsere ganze Familie“, so Giovanna Bruno, die mit ihrer Familie das La Grotta betreibt. 

Setzen auf Lieferservice: Giovanna Brunos Familie lebt vom gemeinsamen Restaurant La Grotta.

Aufgeben wollen und können sie nicht und bieten deshalb nun einen Lieferservice an. „Wir versuchen, alle Ressourcen auszuschöpfen.“ Wie viele wünscht sie sich, dass alle nun an einem Strang ziehen und auf den Appell der Kanzlerin hören. „Es geht nicht, dass einige noch Tische draußen stehen haben, während andere schließen.“

Corona im Werra-Meißner-Kreis: „Kopf nicht in den Sand stecken“

Auch Heike Nützler, Inhaberin vom Fahrradgeschäft Velo Mangold, hofft darauf, dass sich alle an die Empfehlungen der Regierung halten. „Wir müssen da jetzt durch. Ich wünsche mir, dass die Leute vernünftig sind und wir so die Krise gemeinsam und schnell meistern.“ Zurzeit ist ihre angeschlossene Werkstatt noch geöffnet. „Ein Kunde darf eintreten. So haben wir als Team etwas zu tun. Wir halten im kleinen Kreis zusammen.“

Corona im Werra-Meißner-Kreis: „Unsicherheit unter den Mitarbeitern ist groß“

Wie viele andere musste auch Udo Fissmann vom gleichnamigen Friseursalon Kurzarbeit für seine Mitarbeiter beantragen. „Es ist erschreckend, wie dünn auf einmal das Eis sein kann, auf dem man sich bewegt. Vor einer Woche glaubte ich noch, einen gut aufgestellten Betrieb zu haben, und nun das.“ 

Betreibt drei Salons: Udo Fissmann und sein Team. 

Als Friseurbetrieb hat er zwar noch geöffnet, aber wie lange das so weitergeht, weiß auch er nicht. „Wir müssen als Team nun zusammenhalten und das Beste draus machen. Ich appelliere an alle, vernünftig zu sein.“

Corona im Werra-Meißner-Kreis: „Verrückt machen, hilft nicht“

Caspar Döhle vom Ausrüster hofft, dass es keine Ausgangssperre geben wird. „Eine Zeit lang werden wir noch aushalten.“ Momentan steht er allein mit seinen Auszubildenden im Laden, die laut Gesetzgeber nicht nach Hause geschickt werden dürfen. „Wir pflegen den Online-Shop.“ Neben allem Aktivismus gibt er aber auch zu bedenken, dass viele Einzelhändler bereits durch den warmen Winter geschwächt seien. „Das Wintergeschäft hilft normalerweise über nicht so gute Monate hinweg. Das fehlt nun leider auch noch.“

werra-rundschau.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare