Haus mit bewegter Geschichte

Eschwege: Vor 180 Jahren wurde die Synagoge eingeweiht

+
So sah sie einmal aus: Die 1838 erbaute Synagoge auf dem Schulberg (Gebäude rechts), wie sie eine alte Postkarte aus dem Jahr 1920 zeigt. 

Eschwege. Der 14. Dezember 1838 war ein Festtag für die damalige jüdische Gemeinde Eschwege: Auf dem Cyriakusberg, dem heutigen Schulberg, wurde feierlich die neue Synagoge eingeweiht.

Wann sich in Eschwege die erste jüdische Gemeinde bildete, darüber existieren verschiedene Angaben. Vermutet wird, dass sich die ersten Juden Ende des 14. Jahrhunderts in Eschwege niederließen. Belegt ist, dass 1637 bereits zwölf Schutzjuden mit ihren Familien in der Stadt lebten. 

1794 waren es schon 171 jüdische Personen, ein Bevölkerungsanteil von 4,9 Prozent. 1857 umfasste die jüdische Gemeinde 396 Personen, 1880 waren es schon 530. Und in der ständig größer werdenden jüdischen Gemeinde wuchs dann auch der Wunsch nach einem eigenen Gotteshaus. Das wurde vor 180 Jahren errichtet.

Die erste Synagoge

Ein erster Versammlungsraum wird im Bereich der Judengasse, der heute auf den Marktplatz einmündenden Otti-Werner-Straße, vermutet. Die erste Synagoge entstand am sogenannten Judenrain, am Fischer-stad und der Straße „Unter dem Berge“, wo einige der jüdischen Familien wohnten. Landgraf Ernst von Hessen-Rotenburg ordnete 1688 an, „den Eschweger Israeliten ein Baugrundstück für ein Bet- und Lehrhaus“ zur Verfügung zu stellen.

Die Synagoge, auf dem Grundstück des Hauses Nummer 20 gebaut, konnte ab 1692 von der jüdischen Gemeinde genutzt werden. Das Gebäude wurde 1839 abgerissen. Im 18. und 19. Jahrhundert wuchs die jüdische Gemeinde von Eschwege weiter. Für das baufällig gewordene Bethaus am Fischerstad entstand auf dem Cyriakusberg die neue Synagoge, was vor allem den Bemühungen der Gemeinde-Vorsteher J.B. und J.C. Plaut zu verdanken ist.

Beim Bau konnte sich die Gemeinde auch auf die 1825 erlassene Synagogenordnung stützen. Der aus Backsteinen errichtete und verputzte zweigeschossige Sakralbau mit einem Vier-Säulen-Portal wurde nach Plänen des Landbaumeisters Johann Friedrich Matthei errichtet und enthielt 134 Männer- und 74 Frauenplätze.

Einweihung mit Festzug

Über die Einweihungsfeierlichkeiten sind in Anna Maria Zimmers Buch „Juden in Eschwege“ Auszüge aus Berichten des Frankfurter Journals und des Eschweger Anzeigers aus 1838 veröffentlicht. Dort ist unter anderem zu lesen: „Lange fühlte die hiesige israelitische Gemeinde den Mangel eines entsprechenden Gotteshauses. Der Zahn der Zeit hatte eines Theils an der alten Synagoge sehr genagt und anderen Theils war dieselbe für die Gemeinde zu beschränkt ... Die Vorsehung stählte das Herz der Gemeinde-Vorsteher J.B. Plaut und J.C. Plaut, und ihren Bemühungen verdankt man ein neues Gotteshaus, zur Ehre Gottes und zur Verschönerung der Stadt Eschwege.“

Zerstörungswut: In der Reichspogromnacht am 8. November 1938 wurde auch die Eschweger Synagoge völlig verwüstet.

Vor der Einweihungsfeier versammelte sich die Gemeinde um sieben Uhr in der alten Synagoge, wo Kreisrabbiner Goldmann eine Abschiedsrede hielt. In einem Festzug, der die Gesetzesrollen mitführte, zog die Gemeinde vor das Rathaus und von dort mit „Fahnen tragender Schuljugend und weiß gekleideten Mädchen mit Blumengirlanden und Blumenkörben in den Händen“ weiter zur neuen Synagoge. Begleitet „von Geistlichen aller Konfessionen, vom Stadtrath und anderen Honoratioren“.

Die Schlüssel der neuen Synagoge überreichte der Landrat von Ende an die Gemeinde-Vorsteher Plaut: „Sie haben mit dem Bau alle Mühe und Last getragen. Ihnen gebührt diese Ehre.“ Kreisrabbiner Goldmann hielt die Einweihungsrede, die (Zitat der Presse) „die Herzen aller Anwesenden ergriff“. Anna Maria Zimmers Resümee in ihrem lesenswerten Buch: Diese Einweihung der Synagoge zeigt deutlich, dass die jüdische Gemeinde damals fester Bestandteil der Stadt Eschwege war.

Das jähe Ende 1938

Das friedliche Nebeneinander von Juden und Christen fand 1938 mit den Judenpogromen ein jähes Ende. Auch in der Eschweger Synagoge wütete am 8. November der NS-Pöbel, zerstörte die Fenster und verwüstete die Inneneinrichtung. Auch das Hotel Löwenstein und jüdische Geschäfte in der Innenstadt wurden beschädigt. Dass die Synagoge nicht, wie in anderen Orten, in Flammen aufging, ist wohl nur dem Umstand zuzuschreiben, dass man ein Übergreifen des Feuers auf die gesamte Eschweger Altstadt befürchtete. Bis zum Ende der NS-Zeit verwaltete die übergeordnete Organisation „Isor“ das leer stehende Gebäude.

Gotteshaus geblieben: 1954 vermittelte der Eschweger Fabrikant Moritz Werner, dass die Neuapostolische Gemeinde in die Synagoge zog. Und dort ist sie bis heute.

Durch Vermittlung des Fabrikanten Moritz Werner, dem Erben der Strick- und Wirkwarenfabrik L.S. Brinkmann, der 1949 aus der Emigration (London) nach Eschwege zurückkehrte und die Firma in der Friedrich-Wilhelm-Straße weiter ausbaute, erwarb die Neuapostolische Gemeinde 1954 die Synagoge. Die Gemeinde, die das Gebäude renovierte und sanierte, führte es wieder ihrem sakralen Zweck zu und ersparte der Synagoge das Schicksal eines Lager- oder Bürohauses.

Ab 1961 leitete der nach Eschwege zurückgekehrte Max-Heinz Werner die Firma Brinkmann, die 1977 abgerissen wurde und heute Standort der Sparkasse Werra-Meißner ist. 1989 fand in Eschwege ein Treffen ehemaliger jüdischer Bürger statt, zu dem 41 ehemalige Mitbürger nach fast einem halben Jahrhundert erstmals wieder in ihre ehemalige Heimatstadt zurückkehrten.

Von Siegfried Furchert

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Ab dem 25.5.2018 gilt die Datenschutzgrundverordnung. Dazu haben wir unser Kommentarsystem geändert. Um kommentieren zu können, müssen Sie sich bei unserem Dienstleister DISQUS anmelden. Sollten Sie zuvor bereits ein Profil bei DISQUS angelegt haben, können Sie dieses weiter verwenden. Nutzer, die sich über den alten Portal-Login angemeldet haben, müssen sich bitte einmalig direkt bei DISQUS neu anmelden.