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Eschweger Innenstadt nach der Corona-Schließung: „Mit einem blauen Auge davongekommen“

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Blickt positiv in die Zukunft: Wirtschaftsförderer Wolfgang Conrad glaubt an das Potenzial von Eschwege.

Pleitewellen und Kaufhaus-Schließungen: Innenstädte stehen vor extremen Herausforderungen. Können sie sich neu erfinden oder werden sie veröden? Wir werfen einen Blick auf Eschwege.

Es ist ein glücklicher Tag für Wirtschaftsförderer Wolfgang Conrad. Zieht man alle Umstände in Betracht, ist es fast schon ein fantastischer Tag. Er ist gleich zu zwei Neueröffnungen geladen. Nicht nur sind zwei neue Geschäfte an sich schon ein Anlass zur Freude, es zählen noch weitere Faktoren dazu, die dies zu einem Highlight machen: Beide Läden befinden sich in einem Herzensobjekt Conrads, nämlich in der Engen Gasse. Mit den Eröffnungen wurden nicht nur lang bestehende Leerstände gefüllt, sondern auch benötigte Geschäftszweige zurück an ihren Standort geholt. Und das alles zu Zeiten einer weltweiten Krise – die Freude ist also berechtigt. „Das ist unglaublich schön und ein positives Zeichen für die ganze Stadt. Auch jetzt geht es weiter.“

Neueröffnungen werden gefördert 

Möglich gemacht hat dies die Eschweger Projektentwicklungsgesellschaft mbH (PEG). Sie wurde von der Stadt Eschwege gegründet und fördert unter anderem seit zwei Jahren Neueröffnungen, indem die Stadt ein Jahr lang die Kaltmiete übernimmt. Zielgruppe sind eigentlich junge Start-ups, aber es werden wie im aktuellen Fall der Engen Gasse auch Geschäfte gefördert, die entweder ganz in der Innenstadt fehlen oder an einem bestimmten Standort fehlen. Beides ist hier der Fall: Gegenüber von Mann und Mode ist wieder eine neue Boutique für Damenmode eingezogen und etwas weiter oberhalb hat ein Schlüsseldienst und Schuhmacher eröffnet. „Beide hätten ohne die Förderung lieber noch etwas abgewartet“, weiß Conrad, dessen Förderprogramm ursprünglich „Enge Gasse“ heißen sollte. Man entschied sich jedoch für „Durchstarten“, auch um den Kreis größer halten zu können. Und so konnten schon erfolgreiche Start-ups wie Make Cake und Maalia von dem Projekt profitieren.

Inhaberin Heike Schilling hat sich getraut, trotz Corona-Krise ihre Boutique in Eschwege zu eröffnen

In Zeiten einer weltweiten Pandemie könnte man meinen, dass eine Innenstadt wie die Eschweges leidet, dies sieht Conrad aber anders. „Momentan sind wir noch mal mit einem blauen Auge davongekommen. Unsere Attraktivität ist einfach gegeben. Es kommen merklich viele Leute von außerhalb nach Eschwege zum Einkaufen. Da spielt uns der gerade aufkommende Trend, in Deutschland Urlaub zu machen, natürlich in die Hände.“ Besonders Individualurlauber, die mit Campingbus oder Fahrrad unterwegs sind, würden die Kreisstadt vermehrt besuchen. Bei den Fahrrädern sieht der Wirtschaftsförderer noch einiges an Luft nach oben. „Der Radtourismus ist die Zukunft. Wir müssen unsere Innenstadt mehr danach ausrichten.“ Mehr Fahrradständer zum einen, aber auch Auflademöglichkeiten für E-Bikes würden darunterfallen.

Innenstädte unter Druck 

Doch er weiß auch, dass viele Innenstädte gerade unter enormem Druck stehen. „Niemand kann momentan absehen, wie sich Corona auf das Kaufverhalten auswirken wird und wie es mit dem Handel weitergeht.“ Hartmut Schepp von der Initiative Stadtmarketing kann dies nur bestätigen: „Die aktuelle Lage ist verdammt gefährlich, da wir nicht wissen, was im Herbst auf uns zukommt.“ Aus seiner Erfahrung heraus und durch Gespräche mit Geschäftsinhabern weiß Schepp, dass es an Kunden gerade noch fehlt. „Das Einkaufserlebnis mit einer Maske ist einfach nicht dasselbe. Spontankäufe fehlen so fast ganz.“ Gründe hierfür sieht er auch darin, dass viele Menschen gerade aufgrund von Kurzarbeit weniger Geld zur Verfügung haben und der Online-Handel weiterhin blüht. „Um unsere Innenstadt aber zu bewahren, müssen die Leute auch wieder hier einkaufen. Online ist auf Dauer nicht die Lösung.“

Neues Förderungspaket und Ideen für die Innenstadt

Es ist einem glücklichen Umstand zu verdanken, dass genau jetzt, wo viele Händler Zukunftsängste haben, Eschwege den Zuschlag für ein neues Förderungsprogramm erhalten hat. „Wir haben uns schon 2019 für das Programm beworben und nun die Zusage erhalten. Ab September können wir loslegen“, freut sich Wolfgang Conrad. Die Gelder dafür stammen zum größten Teil aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Bereits zwischen 2010 und 2015 nahm die Stadt schon einmal an dem Programm teil und profitierte laut Conrad sehr davon: „Damals wurde viel in den Geschäften modernisiert, was die Attraktivität unserer Innenstadt deutlich erhöht hat.“ 

Schließt eine Lücke: Ein Schuhreparatur- und Schlüsseldienst hatte gefehlt. 

Insgesamt wurde Eschwege eine Summe von 290.000 Euro an Fördergeldern zugesagt, die nun für Modernisierungsvorhaben eingesetzt werden können. Je nach Antrag können mindestens 5000 bis zu maximal 25.000 Euro ausgezahlt werden. Conrad gefällt an dem Programm besonders, dass die Förderungsanträge direkt im Rathaus bearbeitet werden können und somit keine langen Bürokratiewege entstehen. Anfragen nehme er schon jetzt gerne – auch per E-Mail entgegen. Pauschal würde sich das Stadtmarketing wie auch die Wirtschaftsförderung mehr individuelle Geschäfte in Eschwege wünschen. „Kleine Geschäfte mit guter Beratung und vor allem guten Beziehungen zu den Kunden. Das hebt sich von der Masse ab“, findet Hartmut Schepp.

 Auch Wolfgang Conrad wünscht sich „charmante Boutiquen“, hier sieht er ein großes Zukunftspotenzial. Gerne würde er dies mit neuen grünen Ecken und einladenden Sitzgelegenheiten zu einem Einkaufserlebnis, das nicht „nullachtfünfzehn ist“ verweben. Doch auch wenn die Stadt in der Innenstadt fördernd auftrete, könne sie nicht steuern, da hier vielfältige Interessen berücksichtigt werden müssen. In 2009 stand Eschwege durch die Hertie-Schließung bereits schon einmal vor einer großen Herausforderung. Damals gründete sich zur Rettung die PEG. Der Rest ist über die nordhessischen Grenzen weit bekannt: Eschwege gilt als ein Erfolgsmodell in der Kaufhaus-Revitalisierung. Man wäre nun auch wieder dabei, gemeinsam Lösungen für die frei gewordene oberste Etage zu finden. „Es tut sich was“, verspricht Conrad. 

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