Interview

Eschweger ist Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen: „Pressefreiheit ist etwas Kostbares“

Eschwege. Der Eschweger Christian Mihr ist Geschäftsführer von Reporter Ohne Grenzen. Zurzeit beobachtet er in der Türkei einen Prozess gegen 17 Mitarbeiter der Zeitung Cumhuriyet. Im Interview spricht er über Pressefreiheit.

Beobachtet wurde der Prozessauftakt auch von dem Eschweger Christian Mihr, der seit fünfeinhalb Jahren Geschäftsführer der Organisation Reporter ohne Grenzen ist. 

Christian Mihr ist in Eschwege geboren und hat in der Kreisstadt sein Abitur gemacht. Anschließend arbeitete der heute 41-Jährige zwei Jahre lang als freier Mitarbeiter bei der Werra-Rundschau. Er studierte anschließend Journalistik, Lateinamerikanistik und Politikwissenschaft an der Katholischen Universität Eichstätt und der Universidad de Santiago de Chile. Dann arbeitete er als freier Journalist in Ecuador sowie Lateinamerika und war in der journalistischen Weiterbildung für eine deutsche Stiftung in Südrussland. Mihr ist seit fünfeinhalb Jahren Geschäftsführer von Reporter ohne Grenzen. Er lebt in Berlin.

Herr Mihr, war der Prozessauftakt, dem sie beigewohnt haben, fair?

Christian Mihr: Nein. Schon die Bedingungen, die zum Prozess hingeführt haben, waren unfair. Die Mitarbeiter der Zeitung, zum Beispiel übrigens auch der Buchhalter des Verlags, haben lange in U-Haft gesessen, ohne eine Anklageschrift vorgelegt zu bekommen. Und auch die Vorwürfe sind hanebüchen. Allein, dass über bestimmte Themen berichtet wurde, ist als Anklagepunkt genutzt worden. Man kann dort von einer in Demokratie verpackten Willkür sprechen.

Wenn dort willkürlich Journalisten und dem Verlag angehörige Mitarbeiter verhaftet werden: Traut sich noch jemand, an die Pressefreiheit zu glauben?

Mihr: Ja. Es lässt sich definitiv nicht sagen, dass es dort keine Pressefreiheit mehr gibt. Die Zeitung Cumhuriyet gibt es zum Beispiel weiterhin, auch wenn viele Mitarbeiter festgenommen wurde. Das gilt auch für die Zeitung Hürriyet und viele Online-Medien. Dort wird unter dem Druck des Wissens, dass Kollegen verhaftet worden sind, man vielleicht selbst der Nächste ist, versucht, den unabhängigen Journalismus hochzuhalten – auch wenn versucht wird, ihnen die Luft zum Atmen zu nehmen. Das Ausmaß der Repressionen in der Türkei ist im Vergleich allerdings einzigartig, weil es sich innerhalb des vergangenen Jahres so schnell entwickelt hat wie nirgendwo. Das ist ein atemberaubendes Tempo.

Können wir uns hier in Deutschland über unsere Pressefreiheit also glücklich schätzen?

Mihr: Auch wenn es hierzulande auch immer wieder Kritik gibt und gejammert wird, ist das auf einem hohen Niveau. Reporter ohne Grenzen bemängelt zum Beispiel die abnehmende Medienvielfalt. Zum Beispiel hat es auch in Eschwege einmal zwei Zeitungen gegeben. Dennoch ist unsere Pressefreiheit hier etwas sehr Kostbares, was wir zu schätzen wissen sollten, das schnell verloren gehen kann, wie wir in der Türkei sehen.

Zurück zum Prozess: Was kann Ihre Organisation Reporter ohne Grenzen machen, um den angeklagten Journalisten zu helfen?

Mihr: Wir können auf mehreren Ebenen helfen. So stellen wir durch Kampagnen und Pressemitteilungen zum einen eine Öffentlichkeit her. Es macht bei den Gerichten dort schon einen Unterschied, ob einem Prozess internationale Aufmerksamkeit geschenkt wird oder nicht. Die Türkei begreift sich als eine Demokratie, weshalb in den international viel beachteten Prozessen zumindest der Anschein gewahrt werden soll, dass alles seinen Gang läuft.

Und zum anderen?

Mihr:Zum anderen ist es von uns auch ein Zeichen der Solidarität mit den türkischen Kollegen. Wir geben den Angeklagten durch unsere Anwesenheit Kraft, zudem leisten wir auch Nothilfe. Die sieht so aus, dass wir Anwälte bezahlen und Angehörige finanziell unterstützen, wenn dort plötzlich ein Gehalt wegfällt. Zudem helfen wir Journalisten auch ins Exil: Wir können kurzfristig Not-Stipendien für Aufenthalts-Titel von ein oder zwei Monaten vergeben. Die meisten Redakteure wollen dabei nach Deutschland, weil es hier eine große türkische Gemeinde gibt und sie von hier aus weiterarbeiten können – unabhängig. Nirgends sind wir derzeit so aktiv wie in der Türkei.

Wird der Prozess von Ihrer Organisation permanent begleitet?

Mihr: Ja, unser Mitarbeiter Erol Önderoglu ist vor Ort. Das ist insofern eine Besonderheit, weil auch er selber wegen Terrorismuspropaganda angeklagt ist und im vergangenen Jahr im Gefängnis saß. Er ist zwar wieder auf freiem Fuß, das Verfahren läuft aber. Die nächste Verhandlung ist am zweiten Weihnachtsfeiertag.

Als Sie dem Prozess beigewohnt haben: Hatten Sie da Angst, dass auch Sie selbst verhaftet werden können?

Mihr: Es wäre gelogen, wenn ich sagen würde, dass ich mir keine Sorgen gemacht habe. Aber ich habe die Reise genau geplant und stand in noch engerem Kontakt mit dem deutschen Konsulat als bei meinen sonstigen Reisen. Die waren mit drei oder vier Tagen sonst aber länger als die Jetzige, die nur eineinhalb Tage dauerte. Die größte Veränderung bestand aber darin, dass ich mir nur wenige Termine um den Gerichtstermin herum gelegt habe. Jede Provokation ist jetzt unnötig, da unsere Organisation dort schon in die Terror-Nähe gerückt wird.

Und trotzdem sind Sie hingeflogen.

Mihr: Ja. Es geht nicht darum, ein Heldentum an den Tag zu legen. Doch wir wägen die Risiken auch sehr genau ab.

Sie finden klare Worte für das, was in der Türkei passiert. Fürchten Sie sich beim nächsten Besuch nicht doch?

Mihr: Derzeit glaube ich nicht, dass meine Bedenken größer werden. Und das Gerichtsgebäude in Istanbul ist wohl eines der Gebäude, dass ich derzeit am besten kenne, weil ich so oft dort bin. Aber natürlich werde ich wieder eine genaue Risikoanalyse machen und mir vorbehalten, die Reise auch zwei Stunden vorher wieder abzusagen, sollte es die Situation erfordern. Der Sache ist aber gedient, wenn wir eine Öffentlichkeit schaffen.

Darüber hinaus ist es bereits so, dass ich nach jedem Interview zur Türkei Drohungen bekomme. Die beinhalten dann zum Beispiel Anpöbeleien, dass ich oder Reporter ohne Grenzen erst einmal vor der eigenen Haustür kehren soll, bevor wir uns woanders einmischen. Ich kann darauf nur antworten, dass wir das tun, wenn es nötig ist. Wir hierarchisieren unsere Hilfe nicht.

Thema Fake News: In Deutschland spielen die gerade eine große Rolle. Sind die auch in der Türkei ein Thema?

Mihr: Da ist schon eine Verbindung da. Die Vorwürfe in dem Prozess sind Lügen. Leute werden diskreditiert und auch Desinformation spielt eine große Rolle.

Würden Sie Menschen aus Ihrem Umfeld raten, jetzt in die Türkei zu reisen?

Mihr:Es ist nicht mein Anliegen, jemanden aufzufordern, nicht zu fahren. Die Leute aus der Tourismusbranche können nichts dafür und würden bestraft werden. Letztlich muss das aber jeder mit seinem Gewissen vereinbaren. Allerdings würde ich Menschen mit beiden Pässen oder auch Deutschen mit türkischen Wurzeln empfehlen, die Reise noch einmal zu überdenken. Die Empirie spricht derzeit dagegen, dass denen nichts passiert.

Rubriklistenbild: © Dietmar Gust

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare