Die weite Welt und wir

Eschweger wagt Neustart im Herzen von Argentinien

Das Paar Joachim Zinn und seine Frau Reina zusammen mit einem lustigen Lama mit Sonnenbrille in Peru.
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Erinnerungsfoto: Mit einem Lama posiert der gebürtige Eschweger an der Blanca Flor in Huaraz Peru.

Der Eschweger Joachim Zinn lebt seit Dezember 2019 in einem Vorort von Buenos Aires. Das war zu Beginn seines Auslandsabenteuers im Februar letzten Jahres gar nicht geplant.

Buenos Aires/Eschwege - In unserer Serie „Die weite Welt und wir“ erzählen Menschen aus dem Werra-Meißner-Kreis, die im Ausland leben, ihre Geschichte.

 Es ist ein Wintertag, wie er im Buche steht. Die Sonne lässt das Thermometer auf bis zu 15 Grad ansteigen, der Frühling rückt mit großen Schritten näher. Doch wo üblicherweise Tangoklänge die engen Straßen von Buenos Aires beleben, herrscht an diesem Mittwochnachmittag Geisterstimmung. Denn das Corona-Virus hält die argentinische Hauptstadt weiterhin in Atem. Mittendrin: Der Eschweger Joachim Zinn, der seit Dezember 2019 in einem Vorort der knapp 13 Millionen Einwohner zählenden Metropole lebt, obwohl dies zu Beginn seines Auslandsabenteuers im Februar letzten Jahres gar nicht geplant war.

Nach Perureise stand Entschluss fest, auszuwandern

Denn als der ehemalige Mitarbeiter der Deutschen Lufthansa im November 2018 kurz nach dem Eintritt in den vorzeitigen Ruhestand von seinem fünfwöchigen Urlaub in Peru zurückkehrte, stand der Entschluss fest: Er wollte auswandern und im Herzen jenes Andenstaates, den er beruflich bedingt bereits bestens kannte und zuvor erneut bereist hatte, einen Neuanfang wagen. Für Freunde und Bekannte ein überraschender Schritt, für Zinn selbsterklärend: „Hier wusste ich einfach ziemlich genau, auf was ich mich einstellen muss.“ Was er jedoch nicht vorausahnen konnte, war das Tempo, mit dem sich die Ereignisse nach seiner Ankunft in Lima, der Hauptstadt, überschlugen.

Zinn trifft Reina 

Der 65-jährige traf Reina (57), eine gebürtige Venezulanerin. Nur wenige Monate später, im Juli 2019, folgte die Hochzeit im Heimatland der Braut. Gemeinsam genossen die Eheleute die peruanische Kultur mit all ihrer Vielfalt, ehe der zunehmende Fremdenhass gegenüber venezulanischen Flüchtlingen den ursprünglichen Planungen erneut eine Wendung gab: „Als die Gewaltbereitschaft einiger Peruaner immer größer wurde, mussten wir handeln und wollten das Land schnellstmöglich verlassen“, erzählt Joachim Zinn. So führte ihr Weg noch vor den Weihnachtstagen des vergangenen Jahres nach Buenos Aires. Der Stadt, in der bereits Bruder, Schwester und weitere Verwandte von Frau Reina zuhause waren.

„Situationsmäßig sind wir dort von der Corona-Pandemie und dem anhaltenden Lockdown sicher kalt erwischt worden“, so Zinn. Die Wohnungssuche verzögerte sich, Behördengänge avancieren regelmäßig zum Spießrutenlauf. Auch Bars und Restaurants seien nach wie vor geschlossen, die allermeisten Geschäfte verbarrikadiert und auf den Straßen herrsche eine generelle Maskenpflicht. Öffentliche Verkehrsmittel darf das Paar ebenfalls nicht nutzen – hierfür braucht es eine Sondergenehmigung: „Züge ins Stadtzentrum sind beispielsweise ausschließlich Menschen vorbehalten, die in systemrelevanten Berufen oder Betrieben arbeiten.“ Viel gesehen hat der Auswanderer nach über 100 Tagen streng kontrollierter Quarantäne, die nur die nötigsten Einkäufe, Arztbesuche oder sonstigen Termine erlaubt, von der europäischsten aller südamerikanischen Städte somit noch nicht. Und doch merkt man ihm mit jedem seiner Worte die Begeisterung für die neue Wahlheimat an: „Die Menschen hier sind unheimlich freundlich. Es gibt kaum Ressentiments gegenüber Einwanderern, sodass auch wir mit offenen Armen empfangen wurden.“

Vom Heimweh nicht verschont

Doch so wohl er sich auch fühlt, an manchen Tagen überkommt selbst Joachim Zinn die Sehnsucht nach der nordhessischen Heimat: „Natürlich habe ich Heimweh. Ich liebe Eschwege, vermisse meine Familie, meine Freunde, aber vor allem meine Kinder Philipp (26) und Andrea (29).“

Über Social Media Kontakt zu Familie und Freunden  

Über Social Media und Videotelefonate pflegt er engen Kontakt und hatte über das schlussendlich abgesagte Johannisfest sogar den ersten Heimatbesuch geplant: „Das holen wir spätestens im nächsten Jahr nach“, lautet das Versprechen. Bis dahin, hofft Zinn, mit Frau Reina Argentinien bereisen zu können. Das, wie er angibt, letzte Land in Südamerika, das er noch nicht kenne. „Jetzt bin ich endlich hier“, unterstreicht der Auswanderer mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Die nächsten Ziele: Patagonien, die Anden und Feuerland. 

Von Lea-Sophie Hüther   

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