MONTAGSINTERVIEW Chefärztin des ZPP am Klinikum

Professionelle Hilfe ist der beste Weg bei Essstörungen

Bei Essstörungen wie Magersucht kann eine Therapie sowohl den Betroffenen helfen. Essstörungen gehen häufig mit Ängsten Hand in Hand, die Körperwahrnehmung ist dabei verzerrt, viele Betroffene sind sich nicht ihrer Lage bewusst. Symbol
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Bei Essstörungen wie Magersucht kann eine Therapie sowohl den Betroffenen helfen. Essstörungen gehen häufig mit Ängsten Hand in Hand, die Körperwahrnehmung ist dabei verzerrt, viele Betroffene sind sich nicht ihrer Lage bewusst. Symbol

Essstörungen können schwere gesundheitliche Folgen haben. Nicht nur für den Körper, sondern auch für die Seele eines Menschen. Auch bei uns leiden Menschen unter solchen Erkrankungen. Über die Entstehung, Folgen und wie man Betroffenen helfen kann, haben wir mit Dr. Henrike Krause-Hünerjäger gesprochen, ärztliche Leiterin und Chefärztin des Zentrums für Psychiatrie und Psychotherapie (ZPP) am Klinikum Werra-Meißner.

Frau Krause-Hünerjäger, haben Sie selbst Patienten, die Sie bei Essstörungen unterstützen?

Ja, wir haben einige bei uns in Behandlung. Um aber mehr Menschen mit solchen Probleme zu erreichen und unterstützen zu können, wollen wir diesen Bereich künftig noch weiter ausbauen. Speziell auch für junge Erwachsene, die eine Essstörung entwickeln, möchte ich spezielle Angebote machen, um ihnen umfassender helfen zu können. Wenn man rechtzeitig Beratungsangebote macht und die Menschen dadurch früh abholt, ist es möglich, präventiv zu behandeln und eine Chronifizierung zu vermeiden, zumindest die Lebensqualität der Betroffenen zu verbessern. Das ist mein Anliegen.

Wann startet das neue Angebot?

Die Planung ist im Gange, die Umsetzung folgt. Es kann aber natürlich jeder Betroffene auch jetzt weiterhin zu uns kommen.

Was sind die Folgen einer Essstörung?

Neben den körperlichen Auswirkungen, wie extremes Untergewicht bei Magersucht oder Übergewicht beim sogenannten Binge-Eating-Syndrom, leiden die Betroffenen vor allem psychisch unter den Zwängen und den Auswirkungen ihrer Essstörung. Es kommt zu Depressionen bis hin zu suizidalem Verhalten. Dazu kommt oft auch Substanzmissbrauch und Suchtverhalten als Zusatz zu der Grunderkrankug. Ängste spielen eine große Rolle.

Ist Angst ein Ausgangspunkt?

Bei allen Essstörungen gibt es ein Zusammenspiel aus mehreren Faktoren in der Entstehung. Aber Ängste sind oft vorher schon vorhanden und spielen dann eine Rolle bei der Entwicklung der Essstörung. Hinterher sind sie dann noch stärker und ausgeprägter vorhanden.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Bei Jugendlichen zeigen sich oft Ängste vor dem Erwachsenwerden, aber auch vor Leistungsdruck und der Übernahme von Verantwortung. Magersucht tritt ganz häufig im jungen Erwachsenenalter und ab der Pubertät auf. Aus der Befürchtung eines Mädchens, nicht dem Schönheitsideal zu entsprechen, kann sich eine psychische Störung entwickeln. In der Pubertät sind solche Gefühle noch verstärkt.

Welche Rolle spielt das Selbstwertgefühl dabei?

Das Erleben des Selbstwertes ist oft gestört. Diesen seelischen Mangel versuchen Betroffene, mit den Extremen in ihrer Essstörung auszugleichen. Manche belohnen sich zum Beispiel über Essattacken, andere fühlen sich nicht gut genug und arbeiten ständig daran, ihr Idealgewicht von 45 Kilo zu halten. Bei der Magersucht wird dazu häufig noch exzessiv Sport getrieben, jeglicher Genuss wird vermieden.

Wie nehmen Betroffene sich dabei selbst wahr?

Die Körperwahrnehmung ist bei Essstörungen verzerrt. Das ist ganz wichtig zu erwähnen, weil man sich das als Gesunder oft nicht so gut vorstellen kann. Betroffene blicken in den Spiegel und sehen etwas ganz anderes. Das häufigste Beispiel ist, dass sich magersüchtige Patienten, die bereits sehr untergewichtig sind, trotzdem noch als zu dick wahrnehmen und meinen, sie müssten noch mehr abnehmen. In den überwiegenden Fällen sind sich die Betroffenen nicht bewusst, dass sie unter einer Essstörung leiden.

Wie sollten Angehörige darauf reagieren?

Man sollte das auf keinen Fall übernehmen und die Person darin bestätigen. Es nutzt gleichzeitig aber auch nichts, den Betroffenen das auszureden. Man sollte versuchen, die Betroffenen dahingehend aufzuklären, dass diese verzerrte Selbstwahrnehmung eine bekannte Störung sein kann. Und ihnen empfehlen, sich beraten zu lassen. Vielleicht bringt man den Betroffenen erst einmal eine Broschüre mit, um zu schauen, ob die Symptome auf ihn zutreffen.

Wie kann man selbst den Betroffenen helfen?

Man muss in jedem Fall therapeutisch ansetzen. Professionelle Hilfe ist der beste Weg. Denn warum jemand unter einer Essstörung leidet, kann man erst nach einer Psychoanalyse feststellen, bei der man eng mit den Patienten zusammenarbeitet. Das ist bei jedem individuell. Auf keinen Fall sollten Angehörige versuchen, selbst zu therapieren und den Betroffenen im Alleingang zu helfen.

Warum?

Die Angehörigen sind damit überfordert. Es entsteht eine Erwartungshaltung seitens der Angehörigen und Enttäuschung, wenn es nicht klappt – genauso bei den Betroffenen, die sich dabei unter Druck setzen. Besser ist es, zu signalisieren, dass man immer unterstützend für den Betroffenen da ist, die Therapie aber in professionelle Hände gibt.

Was ist, wenn die Betroffenen das nicht wollen?

Das ist schwierig. Man kann die Menschen nicht zwingen, sie müssen die Hilfe auch annehmen wollen und anerkennen, dass sie Hilfe brauchen. Genau deswegen ist es wichtig, dass wir ein Angebot mit unverbindlicher Beratung und ohne Verpflichtung für die Betroffenen schaffen, ohne dass sie Angst haben müssen, gleich mit einem Psychiartrielabel stigmatisiert zu werden. Damit erreicht man die Menschen besser. Der sozialpsychiatrische Dienst macht auch Hausbesuche, was viele bevorzugen. Aber wenn das alles nicht angenommen wird, können die Folgen lebensbedrohlich werden. (Jessica Sippel)

Zur Person:

Dr. med. Henrike Krause-Hünerjäger (51), seit Mai Chefärztin am Zentrum für Psychiatrie und Psychotherapie des Klinikums Werra-Meißner. Nach Studium, Approbation und Promotion in Göttingen folgten leitende Positionen in Hildesheim und Braunschweig. Die Mutter zweier Kinder lebt in Fuldatal-Ihringshausen.

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